Kontinuierlicher Anstieg der SARS-CoV2-Hospitalisierungen in allen Altersgruppen, am stärksten betroffen jene Gruppen, die durch Paxlovid und Auffrischimpfung eigentlich geschützt sein sollten, Datenquelle: SARI Dashboard, Beschriftung: Markus Madner, Lebensmitteltechnologe (zur Vergrößerung bitte anklicken)

Nach dem ersten strengen Lockdown, resultierendem Präventionsparadoxon und wachsender Kritik an der Regierung durch die Oppositionsparteien entschied sich die schwarzgrüne Koalition im Frühherbst 2020 zu einer Änderung im Epidemiegesetz:

(7) Die Bewertung … hat insbesondere anhand folgender Kriterien ….

3. Ressourcen und Kapazitäten im Gesundheitswesen unter Berücksichtigung der aktuellen Auslastung der vorhandenen Spitalskapazitäten sowie der aktuellen Belegung auf Normal- und Intensivstationen

Quelle: Bundesgesetzblatt, 25.09.20

Ein schwerwiegender Fehler, der bis heute dazu führt, erst dann zu handeln, wenn das Gebäude schon lichterloh brennt, statt proaktiv die Glutnester auszutreten.

„In Israel, managing the pandemic based on the capacity of the healthcare system was the one major mistake from which all else followed. Define a capacity and you will reach it, at record levels and high death toll.“

Eran Segal, Weizmann Institut (20.10.20)

Nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt

Nach der schweren zweiten Welle mit harter Triage in den Spitälern, hoher Übersterblichkeit und zahlreichen LongCOVID-Betroffenen lernte man … nichts aus dem zu langen Zuwarten bei steigenden Infektionszahlen. Im Gegenteil:

„Heute haben wir einmal den Grundkonsens geschaffen, dass unser Hauptblickpunkt und unser Entscheidungskriterium die Situation auf den Intensivstationen ist.“

Ex-Gesundheitsminister Anschober am 22. März 2021 (ZiB2)

Der dritte Lockdown kam erneut zu spät und nur im Osten von Österreich, der vierte Lockdown mit der Delta-Welle kam nur sehr widerwillig, weil man monatelang suggeriert hatte, dass die Impfung die Pandemie beenden würde. Daher verhängte man den Teil-Lockdown nur gegen Ungeimpfte, die Daten ignorierend, die bereits zunehmend Durchbruchsinfektionen gezeigt hatten. Der vollständige vierte Lockdown kam mit den bekannten zahlreichen Ausnahmen des zweiten Lockdowns und zeigte entsprechend nicht die schnelle Wirkung. In allen Fällen orientierte man sich nur an der Bettenkapazität der Intensivstationen, die durch Manipulation der Statistik („garbage in – garbage out“) weitaus mehr freie Betten suggerierte als mangels Personal dafür vorhanden war.

Mit dem Wechsel der Virusvariante von Delta auf Omicron und der erworbenen Teilimmunität gegen Hospitalisierung durch Impfung und Infektion waren die Intensivstationen nicht mehr von einer Überlastung durch SARS-CoV2 bedroht. Daher entmantelte man bereits mit Jahresbeginn 2022 die Schutzmaßnahmen und vollendete diesen Prozess mit Abschaffung der Meldepflicht Ende Juni 2023.

Inkompetenz, Selbstüberschätzung und falsche Berater – eine toxische Mischung

„Rauch hatte die Regierungsspitze informiert, dass nach drei Jahren Pandemiedurch die hohe Immunisierung der Bevölkerung im Zuge der Impfung sowie der Durchseuchung eine Umstellung auf den Regelbetrieb zu verantworten sei. Fast alle Experten würden das so sehen, das Impfgremium, die Gecko-Kommission, die operativ mittlerweile im Gesundheitsministerium tätig ist, und nicht zuletzt die Einschätzung des deutschen Wissenschaftlers Christian Drosten sorgten für einen faktenbasierten Turbo für diese Entscheidung.[….]

Denn aus Sicht von Nehammer stehen „nun ausreichend Instrumente zurVerfügung, um dieses Virus zu bekämpfen, von der Impfung bis hin zu wirksamen Medikamenten. Jeder kann sich selbst schützen, dieser Schutz steht in der Eigenverantwortung der Menschen.“

Kronenzeitung, 14. Jänner 2022

Drosten hatte Ende Dezember 2022 in einem Interview fälschlich eingeschätzt, dass die Pandemie beendet sei und nachträglich seine Aussage korrigiert, dass man dies erst mit Ende des Winters sagen könnte. Die XBB.1.5-Welle im Spätwinter 2023 ging dann politisch und medial weitgehend unter. Die ÖVP zog sich aus dem „Pandemiegeschäft“ weitgehend zurück und Gesundheitsminister Rauch wiederholte gebetsmühlenartig die Propaganda, dass „hohe Immunisierung der Bevölkerung, Impfung und Medikamente“ einen Übergang in den Regelbetrieb samt Abschaffung der Meldepflicht rechtfertigen würden.

Im Dezember 2023 ist davon nichts geblieben:

Hohe Immunisierung:

Entwicklung der Hospitalisierungen aufgrund von SARS-CoV2. Die letzten 4 Wochen (Kalenderwoche 45-48) haben noch unvollständige Daten. Dargestellt sind nur Aufnahmen, nicht Liegedauer. Quelle: SARI-Dashboard

Weder von Politik noch in Experteninterviews wurde jemals klargestellt, worauf sich diese „Immunität“ bezieht? Wird sie hohe Infektionswellen verhindern oder nur schwere akute Verläufe? Was ist mit LongCOVID? Und wie gefährdet sind LongCOVID-Patienten für einen Rückschlag bei ihrer Genesung?

Ob Nowotny, Gartlehner, Redlberger-Fritz, von Laer oder Drosten – durch die Bank haben Expertinnen und Experten bis heute die „hohe Immunisierung“ der Bevölkerung beschworen, weshalb sich die Regierung auf der sicheren Seite gewähnt hat. Wer nie Kritik oder Mahnungen zur Vorsicht hört, sondern sich nur mit Beratern umgibt, die sagen, was man hören will, der merkt nicht, wenn er zum Geisterfahrer wird. Ins Ausland schaut unsere patriotische Regierung sowieso nicht, und auch da nur dann, wenn es gerade ins eigene Weltbild passt.

Die Rekordwerte im Abwasser und die steigenden Hospitalisierungszahlen zeigen jedenfalls, dass weder eine „robuste Schleimhautimmunität“ (Drosten) noch eine signifikante klinische Immunität gegen schwere symptomatische Verläufe vorhanden ist. Bitte immer bedenken: Wir reden hier NUR von Corona-Krankheitsfällen, die zu den saisonal auftretenden Wellen mit Influenza, RSV und anderen Viren noch hinzukommen, bakterielle Superinfektionen nicht eingerechnet.

Medikamente

Insgesamt hat der Bund 180 000 Packungen Paxlovid beschafft und via Pharmagroßhandel an öffentliche Apotheken, Hausapotheken und Spitalsapotheken ausgeliefert. Bis Oktober wurden 110 000 Medikamente ausgegeben. Die Infektionswelle steilte sich ab November weiter auf, Grafik ist unvollständig und zeigt nicht alle Risikogruppen.

Die Recherche von Semiosisblog vom 26. September 2023 hatte bereits gezeigt, dass die bestellten Paxlovid-Mengen höchstens vier Monate reichen würden.

Noch am 29. November 2023 twitterte Rauch: „COVID-19 Medikamente stehen ausreichend zur Verfügung“, eine Woche später gilt das wohl nicht mehr:

Eine Sprecherin des Gesundheitsminister rechtfertigte die geringen Mengen damit, dass seit der Zulassung von Paxlovid (28.01.22) in keinem einzigen Monat mehr als 15 000 Packungen verbraucht worden seien.

„Im Hintergrund wird kolportiert, dass der Bund schlicht zu geringe Mengen bestellt habe, weil man im Sommer das Ausmaß der Infektionen und somit den Bedarf unterschätzt habe.“

Das Zitat im STANDARD wurde später geändert mit einem Statement der Wiener Ärztekammer, die immerhin deutliche Kritik am Gesundheitsminister übt:

 „Der Gesundheitsminister hat versagt und offenbar aus den Fehlern der vergangenen Jahre überhaupt nichts gelernt“

Vizepräsidentin Wiener Ärztekammer, Kamaleyan-schmied (Standard, 06.12.23)

Impfungen

Im Mai brüstete sich Rauch auf Twitter noch mit der Ansage, dass man bei der Impfstoffbeschaffung deutlich gespart hatte:

„4,1 Millionen Impfdosen in den nächsten 3 Jahren statt 9 Millionen Dosen heuer. Das ist die wichtigste Änderung bei den Lieferverträgen zu COVID-19-Impfstoffen mit BioNTech Pfizer. Österreich wird dadurch voraussichtlich einen hohen zweistelligen Millionenbetrag einsparen.
Durch die hohe Immunität der Bevölkerung ist die Nachfrage nach Impfstoffen in allen EU-Staaten stark zurückgegangen. Ich habe massiv Druck gemacht, dass die Verhandlungen mit Nachdruck geführt werden. Nun haben 24 der 27 Mitgliedsstaaten den Vertragsänderungen zugestimmt.“

GM Rauch am 26. Mai 2023 , Twitter

Das hieß pro Jahr und jährliche Auffrischimpfung (das Virus mutiert leider viel schneller als Influenza) 1,3 Millionen Impfstoffe – also rund 14,5% der Bevölkerung, das entspricht in etwa der jährlichen Influenza-Impfquote.

Mit Stand 04. Dezember 2023 wurden erst 394 610 Auffrischimpfungen gegen XBB.1.5 seit 1. September 2023 abgegeben (Quelle: Impf Dashboard), das sind gerade einmal 4,4 Prozent der Gesamtbevölkerung!

Hausärzte und Intensivmediziner berichteten bereits im November, dass der Großteil der älteren Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden muss, weder die letzte Auffrischimpfung noch Paxlovid erhalten habe – mit anderen Worten: Vermeidbare schwere Akutverläufe also.

Impfstraßen wurden abgebaut, weil mit Ende der Meldepflicht und politischem Ende der Pandemie nicht mehr der Bund zuständig ist, sondern die Länder bzw. die niedergelassenen Ärzte. Die spärlichen Impftermine waren rasch vergriffen.

In Summe war also die Vorgehensweise bei den angepassten Impfstoffen und bei Paxlovid sehr ähnlich: Bei den Impfstoffen orientierte man sich an der jährlichen Influenza-Impfquote, die viel zu niedrig ist – dank der unwidersprochenen Wissenschaftsskepsis der letzten Jahre sogar noch gesunken ist – und so u.a. auch die Übersterblichkeit durch die Influenza im Dezember 2022 nicht verhindern konnte. Eine breite Impfkampagne wurde nicht gemacht – in Niederösterreich, wo rund 20% der Gesamtbevölkerung leben, ist sie in der schwarzblauen Koalition dezidiert ausgeschlossen worden. Sonst aus Furcht, Wählerstimmen zu verschrecken, aber es hätte auch dem eigenen Narrativ einer harmlosen Erkältungskrankheit widersprochen, wenn man dazu aufgerufen hätte, „wegen einem Schnupfen“ impfen zu gehen. Im Wissen, dass nur 14,5% der Bevölkerung überhaupt eine Impfung bekommen würde, hat man also nicht weiter urgiert.

Bei Paxlovid orientierte man sich am Bedarf der letzten zwei Jahre und ignorierte dabei, dass SARS-CoV2 weiterhin eine hohe Mutationsrate aufweist und sich wiederholt neue Varianten weltweit durchsetzen. Ebenso wurde ignoriert, dass die „Ruhephase“ im Frühsommer auch vermehrtes Nachlassen der Immunität durch die Infektion zur Folge haben würde, und die ohnehin niedrige Boosterquote (selbst der dritte Stich…) die bevölkerungsweite Immunität nicht verbessern würde. Die Ärztekammer hat es leider versäumt, ihre Mitglieder über den Nutzen und Einsatz von Paxlovid aufzuklären – der Großteil verschreibt das Medikament einfach nicht. Das Vertrauen der PatientInnen in ihre HausärztInnen wird so tausendfach missbraucht, mit zum Teil tödlichen Folgen.

LongCOVID und MECFS

Die Skandale und Versäumnisse rund um LongCOVID und MECFS wären einen eigenen Eintrag wert. Ich verweise auf meine Blogbeiträge zur Versorgungskrise am 06. Juli 2023, bzw. zum Internationalen MECFS-Tag am 12. Mai 2023.

Mittlerweile spielen die Virologin Redlberger-Fritz und Epidemiologin Schernhammer (beide MedUni Wien) die Inzidenz von LongCOVID herunter, behaupten, es wären unter oder um 1%.

Die Professorin für Primärversorgung und LongCOVID-Ärztin Kathryrn Hoffmann (MedUni Wien) widerspricht:

Die Inzidenz beträgt 10% für alle LongCOVID-Symtpome, und rund 2-3% für PostCOVID, wenn Symptome länger als 3 Monate andauern. Rund 1% entwickelt MECFS, also LongCOVID mit Belastungsintoleranz – das sind die teils bettlägerigen „schweren“ Fälle.

In Zusammenhang mit LongCOVID wird Prävention weiterhin kaum erwähnt.

War die schwere Coronawelle im Herbst wirklich unvorhersehbar?

Die Omicron-Ära wird mit der Übernahme der Pirola-Varianten weltweit abgelöst – davon ist JN.1 derzeit mit Abstand die fitteste Variante. Im Abwassermonitoring dominierten bis Ende November noch EG*-Subvarianten, allerdings verdoppelte JN.1 alle 2 Wochen seinen Anteil.

N-E-I-N!

Noch im April 2023 rechneten Wissenschaftler alle vier Monate mit mehr oder weniger hohen Infektionswellen, basierend darauf, dass die Immunität der Bevölkerung sukzessive abnimmt, während sich neue Varianten mit Wachstumsvorteil durchsetzen. (Markov et al. 2023)

Ein Blick auf die Abwasserkurve zeigt, dass nach dem Peak von XBB.1.5 im März im Juli der Wiederanstieg begann, also mehr oder weniger 4 Monate nach Ende der letzten Welle. In meinem Beitrag vom 15. Juli 2023 zur Trendwende habe ich die drohende Welle bereits korrekt prognostiziert.

Es sollte die erste Wintersaison in der vermeintlichen Normalität von 2019 werden, ohne Meldepflicht, Isolation, Maskenpflicht, gratis Tests und entsprechend auch ohne jegliche Schutzmaßnahmen im Gesundheitswesen, in den Öffis und in den Schulen, weder CO2-Messgeräte noch Luftfilter wurden bundesweit angeschafft. Einzelne Gemeinden haben es hier und getan, ein Anspruch besteht nicht und vielfach werden engagierte Eltern daran gehindert. Kinder, die weiterhin Maske tragen, werden von Lehrern und Direktoren oder gar dem Jugendamt diskriminiert, dazu kommt Mobbing durch die MitschülerInnen. Das Versagen in den Schulen und Kindergärten ist übrigens das Aufgabengebiet von Bildungsminister Polaschek (ÖVP), der sich die letzten Monate völlig abgemeldet hat, wenn er nicht gerade ein neues Sportgymnasium ohne Sporthalle eröffnet.

Die Infektionswelle war absehbar und nur wer komplett ignoriert, wie stark das Virus mutiert und immer wieder der erworbenen Immunität entkommt, konnte davon überrascht sein, dass in einer Welt ohne jegliche Eindämmungsmaßnahmen fittere Varianten mit Wachstumsvorteil entstehen würden.