„Derzeit bekommen Immunologen Befunde, die suggerieren, dass diese Alterung des Immunsystems bei Kindern nach Coronainfektion viel fortgeschrittener ist, als man es erwarten würde. Man kann sich nun zugespitzt fragen, ob ein ungeimpftes Kind nach Infektion vielleicht mit 30 das Immunsystem eines 80-Jährigen haben wird. Die Durchseuchung der Kinder wäre dann ein riesiger Fehler gewesen. Das wäre ein extremes Szenario, das man aber mit erwägen muss. Allerdings haben wir keine Infektionskrankheit so gut erforscht wie Sars-Cov-2. Gut möglich, dass es sich bei anderen Infektionen auch so verhält und das Phänomen nach zwei, drei Jahren verschwindet, weil gerade junge Kinder noch naive Immunzellen nachproduzieren können. Wir wissen all dies noch nicht. Ich hatte aus Vorsicht immer für die Impfung und den Infektionsschutz von Kindern plädiert.”

Virologe Christian Drosten am 27. Dezember 2022, TAGESSPIEGEL

Diese wenig beachteten Zeilen standen in dem berüchtigten Interview mit Virologe Drosten Ende Dezember 2022, als er das Pandemieende kommen sah. Mit Verweis darauf riefen viele in Österreich und Deutschland vorzeitig und voreilig das Pandemieende aus, in manchen Firmen fiel mit Begründung von Drostens Aussage die Testpflicht am Arbeitsplatz. Was er hier aber zu den Kindern sagte, war zutiefst beunruhigend und hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Weshalb LongCOVID-Symptome bei Kindern öfter übersehen werden können, von @HurraNao mit Sprechblasen beschriftet, Originalgrafik aus Lopez-Leon et al. 2022

Übersichtsartikel:

Toepfner et al., Long COVID in pediatrics—epidemiology, diagnosis, and management (27.01.24)

  • bisher keine Daten zu Reinfektionen
  • meiste Studien zeigen weniger als 5% Inzidenz
  • Spätfolgen mehrheitlich nach leichten Verläufen und in der Mehrheit der Fälle nach wenigen Monaten verschwunden
  • Symptome können allerdings mehr als ein Jahr anhalten und zu signifikanter Behinderung führen: Fatigue, Belastungsintoleranz und Angstzustände
  • manche Patienten haben POTS und eine kleine Anzahl erfüllt die Kriterien für MECFS
  • spezifische Biomarker und ursächliche Behandlungsoptionen sind noch nicht verfügbar

Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Anteil der Neuerkrankungen an LongCOVID an den Gesamtinfektionen lag im Herbst 2021, als die Impfung für 5-11jährige zugelassen wurde, noch bei 6-10% laut Kinderarzt Peter Voitl (Pressekonferenz mit dem damaligen Gesundheitsminister Mückstein). Wie auch bei Erwachsenen ist die exakte Definition von LongCOVID entscheidend für seriöse Zahlen. Zahlreiche Studien haben bisher sehr unterschiedliche Prozentzahlen ergeben, abhängig von der jeweiligen Altersgruppe, Geschlecht und berücksichtigte Zeiträume (Virusvarianten).

allgemeine Zahlen:

abhängig von Varianten

  • Wildtyp und Alpha führten bei Teenagern häufig zu LongCOVID. Bei einem Drittel der Studienteilnehmer verschwanden die Symptome, bei manchen entwickelten sich aber neue anhaltende Symptome (Thors et al. 11/2023)
  • Bis Delta dauerten LongCOVID-Symptome rund 4 Monate, ältere Kinder hatten mehr Symptome, nur Husten kam auch bei jüngeren Kindern häufig vor (Behnood et al. 2022)
  • Omicron-Varianten führen häufiger zu LongCOVID, wenn die Erstinfektion mit Delta war (Ertesvag et al. 2023)

Reinfektionen erhöhen das LongCOVID-Risiko (Marra et al. 2023, preprint, Pereira et al. 2023).

Spätfolgen nach unterschiedlichen Symptomen und erworbenen Erkrankungen

Neben dem „klassischen“ LongCOVID mit Fatigue und Belastungsintoleranz zeigen sich auch erhöhte Risiken für Organschäden und Autoimmunerkrankungen. Das Risiko für neue chronische (neurologische) Erkrankungen steigt durch eine Infektion um 78% (Chiara et al. 2023)

  • akute Lungenembolie, Herzmuskelentzündung, venöse Thrombosen, Nierenversagen (Roessler et al. 2022, Kompaniyets et al. 2022)
  • Anstieg bei Typ-I und Typ-II-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen (D’Souza et al. 2021, Weiss et al. 2023), genetisch vorbelastete Kleinkinder mit deutlich erhöhtem Diabetes-Risiko (Lugar et al. 2023)
  • Kinder von infizierten Müttern in der Schwangerschaft haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen, nach 1 Jahr erhalten noch 20-25% der exponierten Kinder eine entsprechende Diagnose (Santos et al. 2023, Kienast et al. 2023), ebenso gibt es ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes (Ockene et al. 2023)
  • Bei Säuglingen mit akuter Infektion wurden erhöhte Troponin-Werte gefunden, diese deuten auf Herzmuskelverletzungen hin. Bei allen Patienten normalisierten sich die Werte innerhalb eines Jahres wieder, die Langzeitfolgen sind jedoch unbekannt (Vecchio et al. 2023)

Risikofaktoren für anhaltende Symptome nach schweren Verläufen waren eine Vorgeschichte mit Allergien sowie Teenager-Alter (Osmanov et al. 2022, Wildtyp-Zeitraum).

Unabhängig von der Symptomschwere der Akutinfektion kann sich das Virus im Körper für Wochen und Monate halten. Hier besteht kein Unterschied zu Erwachsenen (Buonsenso et al. 2023). In Wien sind laut einer Medizinerin schon Kinder an LongCOVID verstorben (06.07.21).

Folgen bei asymptomatischen oder sehr leichten Verläufen

Beunruhigend sind auch pathogene Veränderungen selbst nach asymptomatischen oder leichten Verläufen, darunter ..

Multientzündungssyndrom MISC

CDC-Kriterien für die Diagnose von MISC: Kombination von Fieber, Entzündungsanzeichen, zumindest zwei beteiligte Organe und vorherige SARS-CoV2-Infektion werden für eine Diagnose benötigt (aus Nakra et al. 2020)

In vielen Fällen tritt MISC erst vier bis sechs Wochen nach der Infektion auf. Es handelt sich um eine Überaktivierung des Immunsystems. Im Gegensatz zu schweren Akutverläufen sind häufig auch gesunde Kinder betroffen. Am häufigsten werden die Kinder wegen Kreislaufproblemen intensivpflichtig (Radia et al. 2021). Herzerkrankungen sind häufig, etwa ein Fünftel hat akutes Nierenversagen (Dhar et al. 2022, systematic review). Die Behandlung erfolgt symptomatisch, über Infusionen oder kreislaufunterstützende Medikamente.

In Österreich mussten in der Wildtyp-Zeit 350 Kinder hospitalisiert werden und 20 wegen MISC auf die Intensivstation. Seit Omicron-Varianten dominieren sowie mit der Impfung tritt MISC deutlich seltener auf (Holm et al. 2022). Ähnlich wie den meisten Folgen einer COVID19-Erkrankung ist auch bei MISC eine der Hauptursachen die Bildung von Blutgerinnseln und Proteinreaktionen im Immunsystem (McCafferty et al. 2022)

Hepatitis bei Kindern

Im Frühling 2022 wurden vermehrt schwere Hepatitis-Fälle bei Kindern berichtet. Lange Zeit gab es widersprüchliche Ergebnisse über einen Zusammenhang zu Covid19. Die Epidemiologin Deepti Gurdasani hatte von Beginn vermutet, dass Hepaititsfälle gehäuft bei Kindern auftraten, die gerade eine Infektion durchgemacht hatten.

In einer Untersuchung hatten sechs von acht Kindern eine Covid19-Infektion, sechs brauchten eine Lebertransplantation, das Adenovirus wurde bei keinem Kind in der Leber gefunden, sie wurden mit dem Virustatikum Cidofovir behandelt (Deep et al. 2022). Dann wurde behauptet, dass die Hepatitisfälle bei Kindern mit einem adenoähnlichen AAV2-Virus zusammenhängen sollen, davon waren aber nicht alle Fachleute überzeugt.

Im September 2023 wurde schließlich der mutmaßliche Zusammenhang gefunden: Eine Kreuzreaktion mit T-Zellen erzeugt eine Autoimmunreaktion, die zu Hepatitis führt (Liu et al. 09/2023) – das erklärt, weshalb nur bei einer Untergruppe von Kindern diese schweren Symptome aufgetreten sind.

Der Leiter der Kinderklinik Innsbruck, Dr. Thomas Müller, rät Eltern jedenfalls, ihren Kindern in die Augen zu schauen:

Die weiße Augenhaut (das Augenweiß, Sklera), färbt sich relativ früh im Krankheitsverlauf gelb, weil der Gallenfarbstoff Bilirubin im Blut ansteigt. Dann sollte man ein Krankenhaus aufsuchen. Bei dunkleren Hauttypen sieht man die Gelbfärbung auf der Haut erst relativ spät. Bessern sich die weniger spezifischen Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen auch nach mehreren Tagen nicht, sollte man die Werte der Leberenzyme bestimmen. Heller Stuhl und dunkler Harn wären bereits relativ späte Symptome, bei Säuglingen und Kleinkindern wäre ein grauweißer Stuhl ein Warnsignal.“

Therapie

Mögliche Behandlungen gibt es für chronische Magendarmsymptome bei Kindern mit LongCOVID mit Lactoferrin (Morello et al. 2022), sowie experimentiell bei Mikroblutgerinnseln mit hyperaktiven klebrigen Blutplättchen. Dies kann sehr kleine Blutgefäße blockieren, die Sauerstoff in Muskeln und Nerven produzieren, kann auch Fatigue (Sauerstoffmangel im Gewebe) und autonome Dysfunktion (small fiber neuropathy) erklären.Voraussetzung ist aber eine Diagnostik mit fluoriszierender Mikroskopie.

POTS und Herzrhythmusstörungen können, wenn über Schellong-Test, 24-Stunden-EKG, Herzratevariabilität, etc. richtig diagnostiziert, behandelt werden (Spera et al. 01/2024).

Ähnlich wie bei Erwachsenen sind auch Kinder von sozialen Stigmata aufgrund von LongCOVID betroffen, ihnen sind ihre körperlichen Grenzen unangenehm, sie fühlten sich weniger wertgeschätzt und weniger ernstgenommen, wenn sie von ihren Beschwerden erzählten (Buonsenso et al. 2023, n = 40)

Immundysfunktion

Covid19 verursacht bei Kindern zumindest vorübergehend Immunschäden sowie eine erhöhte Gefahr für schwere Verläufe bei Streptokokken-Infektion (Kvalsig et al. 2023). Miura et al. (2022) zeigten explizit, dass dendritische Zellen und Lymphozyten in den Mandel zerstört werden, wo Streptokokken A (Scharlach) bei Kindern attackiert. Bei Kleinkindern werden vermehrt bakterielle Infektionen beobachtet (Burstein et al. 2023, Singer et al. 2024). Dendritische Zellen werden auch zur Immunabwehr bei RSV benötigt (Jung et al. 2020), was eine Zunahme an schweren Verläufen erklären kann. Die starke RSV-Welle 2021/2022 wurde durch Covid19 mitversacht (Wang et al. 2023).

Abnormal Surge of Brain Abscesses in American Children, CDC Says (05.06.23)

Literatursammlung

Medienberichte

„Kinder mit Long COVID sind teilweise kränker als die Krebspatienten“ (28.02.24)