Bei psychischen Folgen der Pandemie denken Politiker, Journalisten und Wissenschaftler oft nur an Schulschließungen und Lockdowns. Es betrifft aber auch Kinder, deren Angehörige schwer erkrankt sind, Langzeitfolgen davongetragen haben oder an Covid verstorben sind. Kinder, die dadurch zu Halb- oder Vollwaisen wurden. Es betrifft Kinder, deren Angehörige, etwa Geschwister, Vater oder Mutter chronisch krank oder behindert sind und ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Sie müssen sich seit Pandemiebeginn bei sozialen Aktivitäten zurückhalten – nicht bei allen *vulnerablen* Menschen schlägt die Impfung auch an, nicht alle Menschen mit hohem Risiko sind geeignet für eine medikamentöse Behandlung mit Paxlovid.

Bei psychischen Folgen sollte man aber auch an das mangelnde Vorbildverhalten der Erwachsenen denken, insbesondere der Politiker, die keinen Augenblick zu lang gewartet haben, um die Maßnahmen loszuwerden, sobald sie selbst geimpft waren. Es ging nie um den Schutz der Kinder, sondern immer nur um die Erwachsenen, die möglichst schnell wieder leben wollten wie vor der Pandemie. Das macht diese Pandemie zum größten Gesundheitsskandal in der jüngeren Geschichte.

Erst die Verzögerung und halbherzige Umsetzung von Schutzmaßnahmen und Kontaktbeschränkungen hat zur Verstärkung und Verlängerung von Infektionswellen beigetragen. Mit dem Wegfall der Schutzmaßnahmen in den Kindergärten und Schulen befinden sich viele Kinder im Dauerkrankenstand, da ständig Viren und Bakterien frei zirkulieren dürfen. Krankenstand führt auch zu Bildungsverlusten und Einsamkeit. Das wissen jene Kinder, die durch SARS-CoV2 gehäuft an LongCOVID erkrankt sind, am besten. In England war im Winter 2022/2023 ein Viertel der Schüler krankheitsbedingt abwesend, im Herbst 2019 waren es nur 13%.

„Influenza incidence frequently declined after school closure. The effect was sometimes reversed when schools reopened, supporting a causal role for school closure in reducing incidence. Any benefits associated with school closure appeared to be greatest among school-aged children.“

Jackson et al., School closures and influenza: systematic review of epidemiological studies (2013)

Inhalt:

  1. Direkte Pandemiefolgen für Kinder und Angehörige
  2. Mythos „Uneinholbarer Bildungsverlust“
  3. Ständige Infektionen sind eine starke Belastung für das Familiensystem
  4. Mythos: Immunschuld
  5. Maßnahmen in Kindergärten und Schulen
  6. Schulschließungen in Europa im Vergleich
  7. Psychische und soziale Auswirkungen durch Schulschließungen
  8. Suizide, Suizidgedanken und Schulschließungen

Zusammenfassung

Die unbeschwerte Schulzeit ist ein Traum, der nicht für alle Schüler wahr wird. Österreich hinkt bei der Inklusion weit hinterher, führt aber beim Schulmobbing in Europa. Hinzu kommen oft veraltete Gebäude mit schlechter Durchlüftung, ohne Klimaanlage, mit schlechter Luftqualität und eben erhöhtem Infektionsrisiko, früher vor allem im Winterhalbjahr, mit SARS-CoV2 auch bis zu den Sommerferien.

Es gibt kaum legitime Gründe, sein Kind zuhause zu unterrichten, rechtsesoterische Ideologien zählen klar nicht dazu (Hofinger et al. 2022), aber digitaler Unterricht etwa von chronisch kranken Kindern, die am Unterricht auch von zuhause teilnehmen könnten, könnte man deutlich ausbauen.

Die effektivste Maßnahme gegen die Pandemie bezeichnen zahlreiche Staaten als inzwischen ihren größten Fehler, darunter natürlich auch Deutschland und Österreich: Schließung von Schulen. Es wird behauptet, dass der Schaden dem Benefit überwiegen würde. Nur: Wie rechnet man Tote gegen die psychische Kindergesundheit auf, und ignoriert dabei eben auch, wie viele Kinder zusätzlich zu Halb- oder Vollwaisen geworden wären? Wie viele Kinder selbst schwer erkranken und versterben oder an LongCOVID erkranken? Jeder Mensch ist lebenswert, doch bei Kindern legt man höhere Maßstäbe an und baut Zebrastreifen und stellt Schullotsen an, um tödliche Unfälle zu verhindern. Warum gilt das nicht bei Infektionskrankheiten?

Direkte Pandemiefolgen für Kinder und deren Angehörige

Kinder sind nicht nur selbst von der Krankheit betroffen, sondern leiden auch unter den Folgen der Infektion selbst oder darunter, dass ihre Angehörigen erkranken können oder bereits betroffen sind ( Dönmez and Uçur, 2021Luijten et al., 2021, Vogel et al. 2021, für Tirol: Wenter et al. 2022).

In Schweden, wo es nie einen Lockdown gab, fand man ähnliche Ergebnisse (Interview mit Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz, 01/2023). Manche Kinder verloren ihre Eltern oder Großeltern aufgrund von Covid19 (Hillis et al. 2021). In den USA verloren bis Februar 2022 über 200 000 Kinder unter 18 Jahren ein Elternteil bzw. Angehörigen. Mehr als Zweidrittel der Verluste betraf Kinder unter 13 Jahren.

“Kinder und Jugendliche mit niedriger elterlicher Bildung, beengten Wohnverhältnissen, Migrationshintergrund und psychischen Problemen der Eltern wiesen ein erhöhtes Risiko für Beeinträchtigungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und der psychischen Gesundheit während der COVID-19 Pandemie auf.”

Ravens-Sieberer et al. 2022

SARS-CoV2-Infektionen bei Freunden und Angehörigen waren starke Auslöser für depressive Symptome und Angstsymptome bei Kindern (Pustake et al. 2023). Hinzu kam die finanzielle Notlage vieler Eltern vor allem im prekären Jobverhältnissen, woudurch Kinder erheblich mehr Stress empfanden, auch Traurigkeit. Schulschließungen wirkten sich in den USA nicht auf die psychische Gesundheit aus (Xiao et al. 2023).

Sogenannte Schattenfamilien lebten jahrelang, zum Teil bis heute, in Selbstisolation. Hier ein paar ausgewählte Beiträge, weshalb wir nicht auf sie vergessen sollten:

Ständige Infektionen sind eine starke Belastung für das Familiensystem

„Auf virale Infektionen folgen sehr häufig bakterielle Infektionen. Diese verbreiten sich gut u schnell in Gemeinschaftseinrichtungen. Langfristige körperliche Auswirkungen sind nicht ausgeschlossen. Kumulierende Effekte der ständigen Erkrankungen durch Ausfälle in Schulen, Freizeit und Betreuung haben ebenfalls Auswirkungen. Die Infektionen übertragen sich auf Lehrer und Lehrerinnen und Erzieherinnen ebenso wie auf Familienangehörige. Auch initial „milde“ Verläufe können zu mittel- bis langfristigen Einschränkungen in der allgemeinen Lebensführung führen und all das hat natürlich Auswirkungen nicht nur auf Familien. Natürlich führen diese Umstände zu Belastungen, die auch in Depressionen münden können. 

Es geht nicht nur um Corona. Der Umgang mit Infektionen ist nicht besser geworden, sondern schlimmer. Neben irrationaler starker Abwehr gegen das Thema, was eine sinnvolle Adaption und Weiterentwicklung von Gesundheitsverhalten und Prävention befördern würde wird vermieden. Die Vermeidung, sich mit dem Thema sinnvoll und sachorientiert auseinanderzusetzen behindert Fortschritt und macht krank, ist aber ein Ausdruck der immensen Belastungen, die in den letzten Jahren auch durch die Streitigkeiten, die im Zusammenhang mit Leugnung, Desinformation und  absichtlicher Fehlinformation und den damit zum Teil verbundenen Hilflosigkeitsgefühlen geherrscht hat. Das Ignorieren und Finden von letztlich unzutreffenden Ursachen (Immunschuld, Wetter, etc) sind Ausdruck der Vermeidung. Ich persönlich würde mir wünschen zur Sachlichkeit zurückzufinden. Ursachen zu benennen und deren Auswirkungen auf die Systeme zu betrachten. Die rein individuelle Betrachtung fördert letztlich für alle schlechte Bedingungen. Nur weil ein Kind initial nicht schwer erkrankt hat das Verhalten der einzelnen einen erheblichen Einfluss auf andere. Deshalb gibt es für viele Infektionskrankheiten das Infektionsschutzgesetz. Durch die Ignoranz und Bequemlichkeit entscheiden wir uns für erheblich höhere Gesundheitskosten und Risiken, die letztlich alle tragen. Diese systematische Betrachtung fehlt mir völlig in der Debatte.“ (Cornelia Beeking, Kinder- und Psychotherapeutin, 25.01.24, Twitter)

Mythos: Immunschuld

(in Bearbeitung)

Säuglinge, die in der Zeit der Kontaktbeschränkungen geboren wurden, haben ein verändertes Spektrum an Darmbakterien und entwickelten später weniger Allergien als erwartet, sie profitierten also davon, dass es insgesamt weniger Infektionen gab. Nur 17% der Kinder benötigen Antibiotika bis zum ersten Lebensjahr, verglichen zu 80% vor der Pandemie in einer UK Geburtenkohorte. (Korpela et al. 2024)

Mythos: „uneinholbare Bildungsverluste“

In der aktuellen PISA-Lernstudie zeigt sich: Länder mit langen Lockdowns schneiden besser ab als Schweden, wo die Schulen immer geöffnet waren. Es gab kein Lerndefizit durch Pandemiemaßnahmen:

„Schulschliessungen zwischen einem und sechs Monaten weisen keine negativen Zusammenhänge mit den Kompetenzen bei Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften auf.“

Bericht aus der schweiz, 05.12.23 bzw. „Tagesanzeiger“

 „Auch die Vermeidung von Schulschließungen – „so lange es geht“ – gehöre zur Zielsetzung. Denn damit werden Bildungsverluste generiert, die nicht mehr aufholbar sind.“

Gesundheitsminister rauch am 09.06.22, Pressekonferenz

Sozial benachteiligte Kinder haben stärker unter den Schulschließungen gelitten als mit wohlhabenderen oder höherqualifizierten Eltern. In der Mathematik ist der Nachholbedarf höher als bei Lesekompetenzen. (Bock-Schappelwein et al. 2021)

In den USA:

In Los Angeles (geschlossen) sind die Performance-Werte (NAEP) gestiegen, während sie in Miami (offen) gefallen sind. Das US-Department für Bildung zeigt, dass die Mathematikleistung zu Pandemiebeginn gefallen ist, aber bei Präsenzunterricht ist sie nur geringfügig stärker gefallen als bei Distance Learning (1-2% Unterschied). Bei Lesekompetenzen war der Abfall bei Distance Learning geringer, für höhere Altersstufen gab es sogar eine leichte Verbesserung. Eine Umfrage im Juli 2020 ergab, dass den meisten Eltern mit schulpflichtigen Kindern (60%) lieber war, die Schulen später zu öffnen, um das Infektionsrisiko zu minimieren, selbst wenn ihre Kinder Unterricht versäumen würden.

Maßnahmen in Kindergärten und Schulen

Der 1. Lockdown dauerte vom 16. März 2020 bis 30. April 2020, der 2. Lockdown vom 03. November 2020 bis 07. Februar 2021 mit Unterbrechung durch Weihnachtshandel und Feiertage, der Ost-Lockdown vom 01. April 2021 bis 18. April 2021. Wir reden hier also von Zeiträumen von sechs Wochen, knapp drei Monaten im Winter und knapp drei Wochen in Ostösterreich.

  • Im 1. und 2. Lockdown waren zwar alle Schulen geschlossen, es wurde aber eine “gruppenweise” Betreuung für Kindergärten und Schulen angeboten, einschließlich Volksschule, Neue Mittelschule und AHS-Unterstufe.
  • Alle Schulstufen wurden mit der Einführung der (wenig sensitiven) Antigentests im Februar 2021 wiedereröffnet, nur in der Oberstufe gab es Wechselunterricht und gruppenweise Unterricht. In der Unterstufe war Stoffmaskenpflicht, in der Oberstufe FFP2.
  • Im 3. Lockdown in Ostösterreich kehrte der Präsenzunterricht früher zurück als der Lockdown endete.
  • Im 4. Lockdown im Herbst 2021 galt die Maskenpflicht erst nur auf den Gängen und wurde vorübergehend auf den Unterricht ausgedehnt, es galt eine Testpflicht in den Schulen
  • Ab Anfang Februar 2022 fiel die Maskenpflicht am Sitzplatz in der Volksschule, ab Ende Februar dann überall mit Rückkehr der Präsenzpflicht
  • ab 1. Juni 2022 fielen die PCR-Tests in den Schulen

Die wenigsten Distance Learning-Tage gab es bis Jahresende 2020 in Sonderschulen (38), Maturaklassen (51), Volks-, Mittelschule und AHS-Unterstufe (53), die meisten in Oberer Sekundarstufe (83) und Polytechnische Schule (63).

Kindergärten blieben überhaupt immer offen, in Schulen gab es Notbetreuung. Wir reden hier von mehreren Wochen im Jahr und nicht jahrelangen „Lockdowns“ im Bildungsbereich.

Timeline der Schulmaßnahmen 2020 und 2021
Timeline der Aufhebung der letzten Maßnahmen in den Schulen 2022, beide Grafiken aus der „Aufarbeitung“ der Bundesregierung, Seite 61 (November 2023)

„Unsere Interviewpartner:innen aus der Bildungspolitik wiesen überein-
stimmend darauf hin, dass Schulen in Österreich eigentlich nicht komplett „geschlossen“ worden seien, weil es durchgängig ein Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche gab, die keine alternative Betreuungsmöglich- keit hatten. Das Lernen sollte jedoch während der ersten Schließung außerhalb der Schulen stattfinden. In internationalen Vergleichen, in der Presse und auch in den Befragungen des Austria Corona Panel Project firmieren die Maßnahmen unter Schulschließungen“

(Bogner 2023, S.56)
Schulmaßnahmen wie Maskenpflicht und Distance Learning von März 2020 bis Februar 2022. Inmitten der hohen BA.1-Welle entfiel die Maskenpflicht in allen Schulen. Begründung: Intensivstationen nicht mehr überlastet. Um den Schutz der Kinder und ihrer Angehörigen ging es nie.

Schulschließungen in Europa im Vergleich

Zeitraum umfasst die erste, zweite und dritte Welle (Wildtyp bis Alpha) bis Mai 2021

Wenn wir die hier angeführten Länder hernehmen und die Rangliste bei den Schulschließungen und im zweiten Lockdown mit Sterblichkeit, Übersterblichkeit und Gesamtzahl der Infektionen vergleichen, dann ergibt sich folgendes Bild:

Kumulative Sterblichkeit, Übersterblichkeit und Infektionszahlen in Spanien, Frankreich, Niederlande, Schweden, Deutschland, Österreich und Polen

In der zweiten und dritten Infektionswelle hatten Spanien keine Schulschließungen, Frankreich nur zwei Wochen, Schweden 14 Wochen, Niederlande 21 Wochen, Deutschland 24 Wochen, Polen 29 Wochen und Österreich 30 Wochen.

Ergebnis: Bei Sterblichkeit und Übersterblichkeit führt Polen trotz höchster Gesamtzahl an Schulschließungen, bei den Infektionszahlen liegen sie nur an vierter Stelle, was auf dramatische Untertestung hinweist (und andere Gründe, wie Compliance, Zeitpunkt der Maßnahmen, andere Maßnahmen). Sonst hatten die Länder mit den wenigsten Schulschließungen die meisten Infektionen und liegen auch bei Sterblichkeit und Übersterblichkeit vorne. Deutschland und Österreich kamen mit mehr Schulschließungen insgesamt auf weniger Todesfälle und vor allem weniger Infektionen. Wenn wir einbeziehen, dass mindestens 10% aller Infektionen zu LongCOVID führen, dann stiegen Deutschland und Österreich bis Juni 2021 noch am besten aus und Schweden am schlechtesten.

Der zweite Lockdown brachte sehr lange Perioden mit Distance Learning, was maßgeblich auf den im Vergleich zum ersten Lockdwon schwachen zweiten Lockdown mit zahlreichen Ausnahmen zurückzuführen war. Kindergärten wurden nur in der Pandemie nur geschlossen, wenn Infektionsfälle aufgetreten sind, die Schließung dauerte 5-10 Tage je nach betrachtetem Zeitraum der Pandemie.

In Summe kann man festhalten, dass in allen Lockdownphasen eine Notbetreuung möglich war und meines Wissens auch genutzt wurde. Distance Learning betraf die höheren Schulstufen länger als die unteren, ebenso die Maskenpflicht. Am längsten galt die Maskenpflicht auf den Gängen, nicht aber im Unterricht.

Dauer der Schulschließungen in Europa bis Juni 2021 (umfassend erste, zweite und dritte Infektionswelle mit Alpha)

Psychische und soziale Auswirkungen durch geschlossene Schulen

Schulen sind nicht nur Orte der Lebensfreude und einander friedlich gesinnter Gemeinschaft, sondern können für Außenseiter auch zum jahrelangen Kindheitsterror werden: Mobbing durch Mitschüler wegen dem Aussehen, wegen der Kleidung, wegen dem Verhalten, wegen einer Behinderung, aber auch Reizüberflutung, Ängste sich im Sport oder an der Tafel zu blamieren, Stress durch Schularbeiten, Nachprüfungen – es gibt eine Menge Stressfaktoren, die den Schulalltag keineswegs für alle Schüler und Schülerinnen angenehm machen können, jedenfalls nicht ein ganzes Schulleben lang, für gemobbte und/oder neurodiverse Kinder mitunter nie.

Belastungsfaktoren in Zusammenhang mit depressiven Symptomen bei 14-24jährigen, die eine Schule oder Hochschule besuchen, Quelle: http://www.coronastress.ch

Die Ergebnisse in dieser Abbildung sind auch aus dem Ausland gestützt, die Kombination aus Schulalltag und Pandemiestress sorgte für erhöhte psychische Belastung, nicht Schulschließungen (Kim et al. 2023). Auch in Schweden, wo nur die Oberstufen ins Distance Learning musste, gab es weniger psychische Belastung als mit offenen Schulen, vor allem weniger Diagnosen von Angst und Depressionen (Björkegren et al. 2024). Schulschließungen führen zu einem Rückgang von Mobbing und Suiziden.

Gerade ältere Schüler haben die Phasen mit Distance Learning und Homeschooling zu mehr Selbständigkeit und Organisationsfähigkeit gezwungen. Das kann man nur als Benefit dieser Krisensituation sehen. Hingegen stießen Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss schnell an ihre Grenzen, wenn sie ihre Kinder quasi selbst unterrichten sollten. Zweiklassenbildung auch in den Lockdownzeiten.

Eine Schulleiterin einer Mittelschule schrieb auf ihrem Blog differenziert über die psychische Belastungen während der Pandemie:

“Es gibt Kinder, denen fehlt das Miteinander in den Klassen, weil sie ihre Freunde und ihre Klassengemeinschaft vermissen, aber genauso gibt es junge Leute, die heilfroh sind, endlich mal Ruhe zu haben, endlich mal nicht gehänselt oder gemobbt zu werden.”

Sie beklagte auch, dass man früher nichts von jenen gehört, die psychische Belastungen jetzt ausschließlich auf Kontaktbeschränkungen geschoben haben.

“Wir wissen schon seit Jahren, dass es viel zu wenig Behandlungsplätze gibt, dass es viel zu wenig Schulpsycholog:innen gibt, dass wir dringend Supportpersonal brauchen würden. Komischerweise hab ich in den letzten Jahren da immer nur ganz leise Stimmen gehört, vor allem auch von jenen, die sich derzeit so um die Psyche der Kinder sorgen.”

Über mangelnde Solidarität schrieb auch diese Mutter von zwei Kleinkindern in einem Kommentar der FAZ.

Suizide und Schulschließungen: Ist da ein Zusammenhang?

Die Anzahl der Suizide (alle Altersgruppen) ist in den ersten beiden Pandemiejahren gesunken. Auch im Omicron-Jahr gab es fast so viele Todesfälle durch Covid wie im ersten Pandemiejahr. Quelle: Statistik Austria

    Die harten Fakten zeigen das Gegenteil:

    • Bei Präsenzunterricht nehmen Suizide zu und bei Schulschließungen ab (Hansen et al. 2022)
    • die Pandemie hat nicht zu steigenden Suizidzahlen geführt (Sun et al. 2023).
    • massive psychische Folgen wie Selbstverletzung, Suizidversuche und Ess-Störungen haben im Lockdown nicht zugenommen (Danielsen et al. 2023)
    • Am 18. August 2020 beantwortete der damalige Innenminister Karl Nehammer eine parlamentarische Anfrage zur Zahl von Suiziden und Suizidversuchen vor und während des ersten Lockdowns. Dort ist keine Häufung von Suizid/versuchen im Lockdown feststellbar.
    • Die Zahl der Suizide hat in den ersten Pandemiemonaten um 4% abgenommen, zeigt eine Studie aus 21 Ländern (Pirkis et al. 2021)
    • Die Koordinationsstelle SUPRA für Suizidprävention in Österreich spekulierte in einer Online-Fortbildung vom 15. März 2021 über die Hintergründe für diesen Rückgang und warnte vor der “Zeit nach der Pandemie”.
    • In einem STANDARD-Artikel vom 26. Mai 2021 über gestiegene Suizidzahlen in Gefängnissen wurde festgehalten, dass keine Fälle während der “Corona-Isolation” zu beachten waren.

Etwas anders verhält es sich mit der Zahl der Suizidversuche (nicht erfolgreiche Suizide), die hat sich seit Pandemiebeginn verdreifacht. Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im AKH, Paul Plener, warnte aber davor, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln:

Es sei schon so, dass es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Einsetzen der Corona-Pandemie und einer Mehrzahl an psychischen Belastungen gebe – dies wurde in internationale Studien gezeigt.

Die Frage, welche der getroffenen Maßnahmen oder welche Corona-assoziierten Ängste hier eine Rolle spielen, könne jedoch nicht beantwortet werden, weil es dafür keine Studien gebe. “Wir wissen nur, es gibt mehr psychische Belastungen, es gibt deutlich mehr Suizidversuche. Das ist ein europaweites Phänomen.” (PULS24, 26.07.22)

Weitere Forschungsergebnisse:

„Laut Zwischenergebnissen der Neuauflage der Studie zur Psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen der Donau Universität Krems lasse sich der Trend ablesen, dass sich die Situation trotz Aufhebung der Corona-Maßnahmen im Vergleich zum vergangenen Herbst weiter verschlechtert habe.” (Bezirksnachrichten, 02.05.22)

Kaltschik et al. (2022) untersuchten 616 SchülerInnen im Alter von 14-20 in Österreich. Mädchen neigten eher zu Suizidgedanken als Buben. Die Smartphone-Benutzung ist in der Pandemie deutlich gestiegen, und verbunden mit Verschlechterung von Schulleistungen, gesundheitlichen Problemen, Schlafstörungen und psychischen Störungen. Frauen benutzen Smartphones häufiger als Männer, die sich eher körperlich betätigen und damit ihre psychische Gesundheit verbessern. Das könnte eine der Erklärungen sein, weshalb Frauen doppelt so häufig Suizidgedanken aufweisen. Selbst im dritten Pandemiejahr ohne Maßnahmen ist die mentale Gesundheit der Jugendlichen schwer beeinträchtigt, obwohl die meisten Beschränkungen im Frühling 2022 gefallen sind.

“Besorgniserregend sei neben der hohen Zahl an Menschen mit Suizidgedanken an zumindest einzelnen Tagen auch der Umstand, dass rund 70 Prozent der Jungen unter Hoffnungslosigkeit, unkontrollierbaren Sorgen und Einsamkeit leiden. Ebenso viele machen sich Sorgen um ihre Zukunft, sie haben Angst, den Anschluss an das Leben nachhaltig verloren zu haben. Mehr als die Hälfte berichtete von schweren Konflikten zuhause. Neun von zehn Jugendlichen sahen ihre Bedürfnisse nicht ausreichend in den Covid-Maßnahmen berücksichtigt, interpretiert die Arbeiterkammer die Sora-Ergebnisse.” (Oberösterreichische Nachrichten, 07.06.22)

In einem umfangreichen Faktencheck analysierte ich am 17.11.22 die tendenziöse Darstellung eines ORF-Report-Beitrags zum Thema Schulschließungen und psychischen Belastungen.

Mehdi Hasan interviewt den Notfallpsychologe und Experte für Suizidprävention Tyler Black über Kinder, Pandemie und Schulschließungen und fasst in diesen 30 Minuten leidenschaftlich und fachlich fundiert zusammen, worüber Eltern wütend sein sollten:

Lockdowns und Schulschließungen waren effektiv, weshalb man dachte, dass man die Schulen wieder öffnen konnte, so als ob man seinen Regenschirm im Regen wegwirft, weil man nicht nass wurde. Die Hospitalisierungsrate bei Kindern lag bei OMICRON 4x höher als bei DELTA. Kindersterblichkeit dürfe man nicht mit Erwachsenensterblichkeit vergleichen, sondern mit der Sterblichkeit durch andere Krankheiten. In den USA ist sie die führende Todesursache für Kinder, über der von Influenza und Lungenentzündung zusammen. Und wenn es heißt, dass es ja nur wenige Tote sein würden: „Children are not supposed to die“ – „Kids didn’t infect in a vacuum“ – mehr als 70% der Haushaltsübertragungen begannen mit einem Kind. Infizierte Kinder infizieren Erwachsene, ist das so schwer zu verstehen? Auch LehrerInnen sind an Covid verstorben. Jetzt sagt man, es wäre ein schlimmer Fehler gewesen, als ob es eine Alternative gegeben würde. Das war aufgrund der hohen Fallzahlen gar nicht möglich, der Schulbetrieb wäre zusammengebrochen, auch Busfahrer wurden krank, Reinigungspersonal. Es wäre toll gewesen, Schulen offen zu halten, aber mit einem Plan, das sicher zu tun. Die Mehrheit hatte aber keinen Plan. Die größte Lehrergewerkschaft in den USA (American Federation of Teachers) hat bereits im April 2020 einen umfangreichen Plan vorgelegt, Schulen sicher zu öffnen. Es wurde ausgerechnet, dass man rund 1 Milliarde Dollar braucht, um jedes Klassenzimmer in ganz USA mit einem mobilen HEPA-Filter mit CADR = 300 cfm auszustatten, mit rund 300 Millionen Dollar pro Jahr, um Filter zu ersetzen. Und trotzdem sind nur rund 28% der Klassenzimmer damit ausgestattet, obwohl die Regierung mit der Operation Windfall rund 189,5 Milliarden Dollar bereitgestellt hat.

Dann begann die tendenziöse Berichterstattung zu psychische Belastung und Schulschließungen. Niemand streitet ab, dass eine Pandemie zu psychischen Belastungen bei Kindern führt. Es ist nur nicht seriös zu sagen, dass einzig die Schulschließungen das ausgelöst haben. Notfallbehandlungen wegen Suzide nehmen schon seit Jahren zu. Es zeigte sich das umgekehrte Bild: Suizide nehmen ab während Lockdowns und bei offenen Schulen wieder zu.

Die Pandemie selbst war für psychische Belastungen verantwortlich. In New York City verlor eines von zweihundert Kindern ein Elternteil oder Pflegeperson wegen Covid, bis September 2022 verloren 8 Millionen Kindern ein Elternteil. Einen Elternteil zu verlieren hat sicher stärkere psychische Belastungen zur Folge als ein paar Wochen Distance Learning. In den USA sicher noch scheinheiliger aufgrund der Menge an Amokläufen in Schulen.