„Many people’s immune systems may indeed be weaker since the pandemic but not because of lack of expusre to viruses, but rather because of exposure to SARS-CoV-2, the viruse that causes COVID-19. A growing number of studies have concluded that the virus can actually impair the immune system and make it harder to fend off other pathogens.“

Dr. Jana Schroeder, 01.12.2023 (Twitter)

Das Immunsystem ist kein Muskel und kann daher nicht trainiert werden. Es ist nicht geschwächt, weil wir 2020 und 2021 weniger Infektionen durchgemacht haben. Das Immunsystem ist täglich Abermillionen Mikroben ausgesetzt, durch das es aktiv bleibt. Auch lebenslang bestehende Krankheitserreger wie Herpesviren halten das Immunsystem in Schuss. Eher ist es so, dass der jahrezehntelange Kampf mit dem Herpesvirus Zytomegalovirus dazu führt, dass das Immunsystem mit zunehmenden Alter erlahmt.

Warnzeichen für primäre Immunschwäche bei Kindern und Erwachsenen McCusker et al. (2018)

In einer Welt, die die Existenz von SARS-CoV2 weitgehend verdrängt hat, sind Reinfektionen der Normalzustand und leider auch Durchbruchsinfektionen nach Auffrischimpfungen. Die Frage wird also künftig sein, wie das Immunsystem gegenüber anderen Infektionen gewappmet ist, ob es eine Schwächung durch Corona gibt, wie lange diese anhält.

Wie das Immunsystem funktioniert, zeigt dieses Video der Immunologin Akiko Iwasaki recht anschaulich.

Theorie

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn es gibt dutzende Studien dazu, wie Covid19 das Immunsystem schädigen kann, etwa durch Zerstörung von bestimmten Zelltypen. Doch wie wirkt sich das im Alltag bei den Betroffenen aus? Kommt es tatsächlich zu einem Anstieg von viralen oder bakteriellen Infekten? Verlaufen diese schwerer als normal? Und kann ein direkter Zusammenhang mit einer kürzlichen Covid19-Infektion nachgewiesen werden? Es ist wichtig, hier sauber zu argumentieren – die Affenpocken-Pandemie ging etwa nicht auf Covid19 zurück. HIV oder Masern sind noch einmal eine ganz andere Größenordnung, was anhaltende Immunsuppression betrifft.

Kommt es zu einer relativen oder absoluten Zunahme von schweren Verläufen bei opportunistischen Infektionen (bakteriellen Superinfektionen)? Bei einer relativen Zunahme kommt es insgesamt zu mehr Infektionen, aber der Anteil schwerer Verläufe bleibt konstant. Bei einer absoluten Zunahme nimmt der Anteil schwerer Verläufe zu, das würde veränderte Pathogenität des Erregers oder eben ein geschwächtes Immunsystem sprechen.

Lymphozyten sind ein Typ der weißen Blutzellen (Leukozyten) im Immunsystem der meisten Wirbeltiere. Die drei Haupttypen von Lymphozyten sind T-Zellen, B-Zellen und natürliche Killerzellen. B-Zellen machen Antikörper, die dem Körper dabei helfen, Infektionen zu bekämpfen. T-Zellen attackieren fremde Zellen, Krebszellen und mit dem Virus infizierte Zellen. Natürliche Killerzellen enthalten Substanzen, die Tumorzellen oder infizierte Zellen töten. SARS-CoV2 infiziert Lymphozyten (Pontelli et al. 2022), indem sich die Spike-Glykoproteine direkt an das CD4-Molekül binden, welches SARS-CoV2 in T-Helferzellen eindringen lässt (Davanzo et al. 2023, Brunetti et al. 2023) , und führt zu einer Erschöpfung der T-Zellen (Bellesi et al. 2022, Vazquez-Alejo et al. 2023). Die Funktion der CD4+-T-Zellen wird gestört, in der Folge auch der CD8+-T-Zellen (Zheng et al. 2020, Pedroso et al. 2023, preprint, Omidvari et al. 2023, Gao et al. 2023). SARS-CoV2 aktiviert Lymphozyten und Entzündungsreaktionen, die Multiple Sklerose (Palao et al. 2020) und Pilzinfektionen (Moser et al. 2021) verursachen können. Lymphozyten werden langfristig und tiefgreifend geschädigt/verändert (Zhao et al. 2020, Yang et al. 2021). Das Immunsystem kann noch monatelang geschwächt bleiben, mindestens sechs Monate lang (Song et al. 2020, Perez-Gomez et al. 2021, Phetsouphanh et al. 2022, Ryan et al. 2022, Govender et al. 2022), auch epigenetische Veränderungen nach schweren Akutverläufen tragen zur langfristigen Schwächung des Immunsystems bei (Cheong et al. 2023, Boes and Falter-Braun 2023).

„HIV-1 utilizes the CD4+ T-lymphocyte receptor thereby advancing pathogenesis indirectly to the CD34+ HSPC. SARS-CoV-2 directly targets the CD133+ ESPC via ACE2 receptor causing cytokine storms of the CD4+ T-lymphocytes.

Koka and ramdass (2023)

Erste Hypothesen in Richtung Immundysfunktion gab es schon früh in der Pandemie (Li et al. 05/2020).

Opportunistische Infektionen

Opportunistische Pathogene befinden sich bereits in vielen Menschenkörpern. Sie verursachen dann Erkrankungen, wenn etwas den Wirt schwächt. Es gibt daher keine „Immunschuld“ aufzuholen bei diesen Pathogenen.

Mehr zu opportunistischen Infektionen in Zusammenhang mit dem HI-Virus (AIDS):

„Von Aids spricht man, wenn schwere opportunistische Infektionen, aidsdefinierende Krebserkrankungen, durch HIV ausgelöste Gehirnschädigungen oder starke Abmagerung auftreten. Die Erkrankungen treten auf, weil das Immunsystem durch HIV bereits schwer geschädigt und nicht mehr in der Lage ist, die Erreger zu bekämpfen. Ohne Behandlung verlaufen viele dieser Erkrankungen innerhalb weniger Wochen bis Monate tödlich.“

Deutsche Aidshilfe, Seite 4

SARS-CoV2 begünstigt opportunistische Infektionen, indem sich Bakterien in den Zellen genesener Patienten stärker vermehren (Yadav et al. 2023).

Praxis

In den USA sind ca. 6,6% der Bevölkerung immunsupprimiert – plus 3,6% seit 2013 (Martinson and Lapham 2024 – die Zunahme wird v.a. mit gestiegenem Bewusstsein begründet, weitere Ursachen sind noch nicht vollends verstanden)

„One of the most significant findings of this study was the high proportion of co-infections observed in patients with SARS-CoV-2 infection, with almost a third of the SARS-CoV-2 positive samples being co-infected with one or more acute respiratory pathogens.“

Ruttoh et al. 11/2023

Covid19 vervierfacht das Risiko von weiteren Viruserkrankungen (Al-Aly et al. 2021) und führt zu gestörtem Stoffwechsel und chronischer Immunschwäche selbst zwei Jahre nach der Infektion (López-Hernández et al. 2023).

patients with COVID-19 may have an increased risk of developing respiratory diseases, and the risk increases with the severity of infection and reinfection. Even during the 24-month follow-up, the risk of asthma and bronchiectasis continued to increase“ (nach Lungenerkrankungen nehmen Lungenerkrankungen zu, keine Infekte)

Meng et al. 02/2024

Lebensbedrohliche Pilzinfektionen haben seit der Pandemie zugenommen (Najeeb et al. 2022, Morton et al. 2022, Emily Henderson 2023), ebenso Tuberkulose-Fälle (Alemu et al. 2022),

Weltweit kommt es zu einem signifikanten Anstieg von Tuberkulose und Syphilis. Nicht, weil jetzt mehr Menschen damit infiziert werden, sondern weil beides persistierende Infektionen sind, von denen die meisten Menschen nicht wissen, dass sie sie haben. Sowohl Tuberkulose als auch Syphillis hat man unbehandelt lebenslang. Beides sind bakterielle Infektionen. Etwa 5% der Weltbevölkerung haben derzeit asymptomatische Tuberkulose und wissen nichts davon, alleine etwa 15 Millionen in den USA. Im tertiären Studium werden sie erst dann deutlich symptomatisch, wenn das Immunsystem stark geschwächt ist. Dann gehen diese Menschen zum Arzt und erfahren erstmals von der Infektion. Bei HIV werden beide Krankheiten oft erst im Spätstadium erkannt, vor allem Tuberkulose ist dabei eine häufige Nebendiagnose (S. Swaminathan 2016). Asymptomatisch TB-Infizierte sind nicht infektiös, ab symptomatischer Aktivierung durch Immunschwäche aber sofort infektiös. Dadurch kann sich Tuberkulose besser verbreiten.

Allerdings ist die Inzidenz der aktiven Tuberkulose vor allem wegen der Unterbrechung der Test- und Behandlungsprogramme gestiegen, behauptet dieser WHO-Bericht. Hingegen zeigen Kumwichar und Chongsuvivatwong (2023), dass Tuberkulose nach Covid 7x häufiger auftritt.

Die Durchseuchung der Kinder in den ersten Pandemiejahren hat zur Entwicklung der starken RSV-Welle 2021 und 2022 beigetragen (Wang et al. 2023), in England gibt es auch im Winter 2023/2023 bereits neue Höchststände bei schweren RSV-Verläufen (v.a. Kinder und ältere Menschen), bei Erwachsenen scheint es nicht schwerere RSV-Verläufe durch eine vorgangenene SARS-CoV2-Infektion zu geben (Zangerle in seiner Seuchenkolumne, 19.1.24)

Bestätigte Streptokokken A-Fälle 2022/2023, verglichen mit präpandemischen Jahren, in Kanada (Quelle)

Streptokokken-Infektionen sind deutlich angestiegen (Mizrahi et al. 2023, Nielsen et al. 2023) – zuvor wurden in Dänemark und Südengland bereits enorme Anstiege von Streptokokken bei Kindern mit Todesfolge beobachtet. In Schweden gab es auch im Winter 2023/2024 einen deutlichen Anstieg von Strep A.

Covid19 verursacht bei Kindern eine Immunschwäche sowie eine erhöhte Gefahr für schwere Verläufe bei Streptokokken-Infektion (Kvalsig et al. 2023). Miura et al. (2022) zeigten explizit, dass dendritische Zellen und Lymphozyten in den Mandel zerstört werden, wo Streptokokken A (Scharlach) bei Kindern attackiert. Bei Kleinkindern werden vermehrt bakterielle Infektionen beobachtet (Burstein et al. 2023, kleine Zahl an Teilnehmern). Dendritische Zellen werden auch zur Immunabwehr bei RSV benötigt (Jung et al. 2020), was eine Zunahme an schweren Verläufen erklären kann.

Im Frühjahr 2022 wurden vermehrt schwere Hepatitis-Fälle bei Kindern beobachtet. Im September 2023 wurde schließlich der mutmaßliche Zusammenhang gefunden: Eine Kreuzreaktion mit T-Zellen erzeugt eine Autoimmunreaktion, die zu Hepatitis führt (Liu et al. 09/2023) – das erklärt, weshalb nur bei einer Untergruppe von Kindern diese schweren Symptome aufgetreten sind.

In Dänemark wurde diese auf eine virulente Variante von Streptococcus pyogenes zurückgeführt. Die Autoren rätseln, ob es sich um Nachholeffekte handelt oder um eine virulentere Variante, beides könne aber die starke relative Zunahme nicht erklären. Überhaupt werden schwere Verläufe kaum und erst spät entdeckt, deren Ursache ist unklar. (Johannesen et al. 2023).

Bei Streptokokken pneumoniae (Pneumokokken) hat man herausgefunden, dass es keine Immunschuld gibt, weil es oft asymptomatisch bleibt, es ist also immer da. Während invasive Erkrankungen während der Lockdowns abnahmen, waren die Pneumokokkenträger-Raten nicht signifikant reduziert (Dagan et al. 2022). Mit der Rückkehr von RSV und Influenza kamen auch Pneumokokken verstärkt symptomatisch zurück. Covid erhöht die Empfänglichkeit für RSV und diese die für Pneumokokken.

Herpes Zoster trat häufiger bei allen Altersgruppen auf, und zwar bei denen, die zuvor Covid hatten. Das Risiko für schwere Verläufe war 2,8 fach höher nach einer Infektion. (Chen et al. 2023), zu allem Überfluss ist das Schlaganfall-Risiko nach Herpes Zoster erhöht (Paramesawaran et al. 2022).

Bei gewöhnlichen Coronaviren weiß man schon länger, dass sie Streptokokken-Infektionen begünstigen (Golda et al. 2011).

Sepsis in Verbindung mit Covid19 trat zwischen März 2020 und November 2022 bei 1,5% aller Spitalsaufnahmen auf, die Sterblichkeit ging im Verlauf des Studienzeitraums zurück (Shappell et al. 09/2023), hingegen hat virale Sepsis bei Säuglingen zugenommen, in Europa haben sich 2022 bis Frühling 2023 mindestens 26 Kleinkinder mit einem seltenen Enterovirus-Typ infiziert, Echovirus-11 genannt, 8 Babies starben nach Organversagen und Sepsis. Die meisten Enteroviren verursachen bei Kindern sehr milde Verläufe.

„It’s not the lockdowns. It’s the covid. And honestly any expert that’s talking about the surges in infections we’re seeing without saying anything about covid immune damage in December 2023, with all this published data, is either woefully uninformed or outright dishonest.“

Dr. lisa iannattone, 02.12.23 (Twitter)

Mycoplasma pneumoniae

Bakterielle Lungenentzündungen entwickeln sich häufig zusätzlich zu Virusinfektionen. Bakterien wie jenes, das Mycoplasma verursacht, sind gewöhnlich opportunistisch, das heißt, sie nutzen ein durch ein Virus geschwächtes Immunsystem aus. Influenza, RSV und grippale Infekte können manchmal Bronchitis oder Lungenentzündungen auslösen, ebenso Infektionen der oberen und unteren Amwege. Wir wissen, das SARS-CoV2 mehr Schäden am Immunsystem anrichten kann als andere Viren.

Mycoplasma-Anstiege gibt es vor allem in Ländern, die unterschiedliche Impfstoffe nutzen (China), unterschiedliche NPI verwenden, diese die letzten 1-2 Jahre abgeschafft haben. Größte Anstiege in USA, UK und Schweden. (Grafikquelle)

Lungenentzündungen (Mycoplasma pneumoniae) bei Kindern haben zugenommen, in Frankreich, Niederlande, Schweiz – nicht nur in China. Besonders betroffen sind immungeschwächte Personen, deren CD4-T-Zellen stark abgenommen hat (Shankar et al. 2005) – was nicht nur HIV verursacht, sondern auch SARS-CoV2. Bis Woche 50 hat sich der Anstieg in den Niederlanden fortgesetzt.

Molekularbiologe Emanuel Wyler meinte einmal, wenn man sich eine Skala vorstellt vom Rhinovirus am einen Ende und HIV am anderen Ende, befindet sich SARS-CoV2 in Sachen Immunschäden etwa in der Mitte.

Es wird seit dem Ende aller Maßnahmen eine Zunahme an opportunistischen und bakteriellen Infektionen beobachtet, auch von Krankheiten, die bisher gut kontrolliert wurden. Pilzinfektionen und bakterielle Lungenentzündungen haben zugenommen. SARS-CoV2 schädigt das Immunsystem zumindest kurz- bis mittelfristig insofern, dass die CD8+T-Zellen-Antwort beeinträchtigt wird, ein Effekt, der bisher nach Virusinfektionen wie Hepatitis C oder HIV beobachtet wurde. Ob es eine langfristige Schädigung tatsächlich gibt, ließe sich nur herausfinden, wenn man sich längere Zeit nach einer Covid-Infektion nicht erneut ansteckt und dann in Kontakt mit anderen Erregern kommt. Tatsächlich sind aber viele Menschen ständig krank, weil viel zirkuliert. Das Immunsystem kann sich so nicht erholen.

Die offiziell gängigste Hypothese sind derzeit „Nachholeffekte“ nach Wegfall der Maßnahmen. Viren zirkulieren vermehrt, weil die Menschen ihre Sozialkontakte nicht mehr einschränken (und in den Schulen keine Schutzmaßnahmen mehr stattfinden, aber das ist schon seit 2021 der Fall mit Ausnahmen). Diese Immunitätslücke sollte aber längst aufgeholt worden sein.

Ich bin nach wie vor am Standpunkt: Better safe than sorry! Und unabhängig von der Ursache, was warum wie stark zirkuliert – die allermeisten dieser Erreger lassen sich mit Maßnahmen gegen Aerosole killen, als Kollateralnutzen killt man SARS-CoV2 gleich mit, denn SARS-CoV2 alleine will man ja nicht mehr eindämmen.

Autoimmunreaktionen

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