Nach einer Infektion herrscht eine sehr heterogene Verteilung beim Immunschutz, nach Impfung werden sie auf ein einheitlich hohes Niveau gebracht. (Parker et al. 2022)

In der Anfangszeit der Pandemie bestand die naive Hoffnung, mit einer überstandenen Infektion „hätte man es hinter sich“ und wäre fortan gegen den Erreger geschützt. Bis zum Auftauchen von OMICRON (BA.1) bestand nach einer Infektion zu 90% ein bis zehnmonatiger Schutz gegen erneute Infektion (Stein et al. 2023), seit dem Auftauchen der ersten OMICRON-Subvarianten sank der Schutz vor erneuter Ansteckung auf 19% ab. Bis DELTA bestand außerdem die Hoffnung, durch die Impfung gut gegen Ansteckung geschützt zu sein. Erste Durchbruchsinfektionen gab es aber bereits mit der DELTA-Variante. Ab OMICRON wurde klar: Die Impfung schützt nurmehr kurzzeitig vor Ansteckung.

Häufigkeit von Reinfektionen

Der kürzeste Zeitraum einer erneuten Ansteckung beträgt rund drei Wochen (Claire Wilson, 14.05.22), im Durchschnitt waren es bis zur BA.2-Welle etwa ein Jahr.

Im August 2020 traten dann die ersten Reinfektionsfälle auf (Statnews, 28.08.20). Bei gewöhnlichen Coronaviren wissen wir schon länger von der kurzlebigen schützenden Immunität (Edrige et al. 2020). Mit Alpha häuften sich Reinfektionen allmählich, vor allem bei älteren Menschen (Hansen et al. 2021). Ohne Impfung könnte man sich alle 16 Monate erneut infizieren, titelte „The Guardian“ im Oktober 2021.

Omicron macht Reinfektionen leichter und schneller möglich als seine Vorgänger-Varianten. (Burkholz et al. 2023), insbesondere schützten frühere Infektionen nicht gegen Omicon und frühe Omicron-Infektionen schlechter gegen spätere (Hachmann et al. 2022, Altarawneh et al. 2022), das trifft insbesondere auf ältere Menschen zu (Breznik et al. 08/2023). Auch eine Übersichtsarbeit zeigte, dass der Schutz gegen Reinfektion mit BA.1 deutlich rascher abnahm als bei früheren Varianten (Stein et al. 2023).

Der Grund dafür ist, dass nur die erste Infektion mit einer Omicron-Subvariante einen signifikanten Anstieg neutralisierender Titer auslöst, nicht aber weitere Infektionen, selbst bei sehr unterschiedlichen Varianten und zumindest zwei Jahre nach der letzten Infektion (Rivas et al. 2023).

Im Herbst 2023 wurde JN.1 dominant (BA.2.86 + L455S). Der Schutz vor erneuter Infektion mit JN.1 war nur bei jenen deutlich erhöht, die sich die sechs Monate zuvor mit XBB-Varianten angesteckt haben. Nach einem Jahr ist von der mukosalen Immunität allerdings kaum noch etwas übrig. Insgesamt betrug die Effektivität von vorherigen Infektionen gegen erneute Infektion mit JN.1 nur magere 1,8%. Das bestätigt den hohen Immun Escape von JN.1 (Chemaitelly et al. 2024 preprint).

Nur ein Viertel der Reinfektionen werden durch PCR-/Schnelltests entdeckt, regelmäßige Antikörpertests notwendig. (Richard et al. 2024)

Schwere der Reinfektionen

In der älteren Bevölkerungsgruppe steigt mit zunehmender Zahl an Reinfektionen das Risiko für Spätfolgen (Bowe et al. 2022Grenzen und Stärkern dieser Arbeit)

Eine Übersichtsarbeit wies erstmals nach, dass verschiedene Virenstränge Reinfektionen auslösen können, die nicht zwingend harmloser verlaufen müssen (Wang et al. 2021), was in einer weiteren Studie bestätigt wurde: 11,4% Hospitalisierung nach Reinfektion, gegenüber 5,4% bei der Erstinfektion (Slezak et al. 2021). Der Schutz gegen tödliche Verläufe beträgt nur 61%, nicht 99% (Mensah et al. 2022). Bei syrischen Hamstern verlief die Reinfektion ebenfalls nicht zwingend milder, eine hohe Virusdosis bei der Infektion fördert Reinfektionen (Mohandas et al. 2022). Eine Übersichtsarbeit zeigte bei jungen Erwachsenen bei Reinfektionen ähnlich schwere Symptome (Nguyen et al. 2023), seit der OMICRON-Ära allerdings häufiger schwere Verläufe und Todesfälle als bei über 65jährigen (Kevin et al. 2023).

Reinfektionen und LongCOVID

Mit steigender Zahl an Reinfektionen nimmt die Zahl der Betroffenen mit LongCOVID zu (Kuang et al. 2023)

Bei Betroffenen von LongCOVID führen Reinfektionen in 80% der Fälle zu einer Verschlechterung der Symptome, bei 60% können erneut Symptome auftreten (Quelle: LongCOVIDKids).

Bei Personen, die sich bereits einmal infiziert haben, zeigte bisher nur eine Studie eine (relative) Abnahme des LongCOVID-Risikos (Bosworth et al. 2023, preprint), einzelne Studien eine Zunahme (Marra et al. 2023, Hadley et al. 2023), bzw. mit OMICRON eine Tendenz zu schwereren Verläufen (Hendrix et al. 2023).

LongCOVID-Forscher Al-Aly hält unmissverständlich fest, dass wiederholte Infektionen ein zusätzliches LongCOVID-Risiko darstellen (Statnews, 20.09.23).

Eine große Studie mit über 72000 Reinfektionen bestätigt das, was niedergelassene Ärzte und LongCOVID-Spezialisten im wesentlichen beobachten: Zwar nimmt der Anteil der Betroffenen mit LongCOVID insgesamt ab, allerdings tritt LongCOVID nach erneuter Infektion häufiger auf als nach der ersten Infektion (Kostka et al. 11/2023). Der Studienzeitraum umfasste den Wildtyp bis zur BA.2-Welle.

Durchbruchsinfektionen (Infektion nach Impfung)

Mit OMICRON sank der Schutz vor erneuter Infektion nach Impfung bei älteren Menschen gegenüber ALPHA/DELTA ab (Baum et al. 2022). Die Durchbruchsinfektion mit OMICRON erzeugt nur eine schwache Antikörperantwort, etwa ein Zehntel von DELTA und ein Drittel einer dritten Impfung (Servellita et al. 2022). Eine BA.5-Durchbruchsinfektion erzeugt schwache humorale Immunität bei 3fach Geimpften, Reinfektionen waren möglich (Bormann et al. 2023).

Durchbruchsinfektionen und LongCOVID

Die Frage könnte man auch anders stellen: Wie gut schützen die Impfungen gegen Spätfolgen?

Nach zahlreichen Studien reduziert die Impfung variantenunabhängig das Risiko von LongCOVID etwa um die Hälfte (Senjam et al. 2021, Antonelli et al. 2022, Kuodi et al. 2022, Ayoubkhani et al. 2022, Emecen et al. 2022), manche Studien sehen eine stärkere Reduktion (Simon et al. 2021, Azzolini et al. 2022, Lundberg-Morris et al. 2023), andere eine geringere (Al-Aly et al. 2022, Perlis et al. 2022, Richard et al. 2023), anfangs auch gar keine (Taquet et al. 2021).

Nach drei Impfungen hat nach einer australischen Studie immer noch knapp ein Fünftel LongCOVID, wobei Frauen, ältere Menschen, Vorerkrankte und seltener Geimpfte häufiger betroffen sind (Woldegiorgis et al. 2023, preprint).

Bei Kindern schützt die Impfung moderat, bei Jugendlichen mit höherem Risiko stärker vor LongCOVID. Der Impfschutz lässt nach 6-18 Monaten deutlich nach (Razzaghi et al. 2023 preprint).

Kernbotschaft:

Je häufiger man geimpft ist, desto seltener tritt LongCOVID auf – bei Ungeimpften ca. 11%, bei Geimpften 5% und seltener. (Marra et al. 2023, Meta-Analyse).

Vergleiche mit früheren Varianten:

Mit dem Auftreten der ersten OMICRON-Subvarianten stellte man ein ähnlich hohes LongCOVID-Risiko bei 3fach Geimpften zwischen DELTA und BA.1 fest (8%), bei BA.2 war es mit 8-11% etwas höher (Ayoubkhani et al. 2022), bei BA.1 und BA.2 wurde nach der Impfung weniger LongCOVID beobachtet als ohne Impfung (Nehme et al. 2022). Ein individuell verringertes Risiko wird bei BA.1 gezeigt (Brannock et al. 2023), sowie bei BA.2 (Diexer et al. 2023). Wer nach der ersten Infektion kein LongCOVID bekam, hatte ein geringeres Risiko für erstmaliges LongCOVID bei weiteren Infektionen.

Die Impfung schützt nur dann zuverlässig vor LongCOVID, wenn sie eine Ansteckung verhindert – und das kann sie nur bei niedriger Virusexposition.
(Lind et al. (2023). Diese ist beeinflussbar: Durch Primärprävention (Maske und saubere Luft).