Käsescheibenmodell nach Ian M. Mackay

Ein Paradigmenwechsel ist notwendig:

Es reicht nicht aus, nur einem Teilbereich des Alltags Maßnahmen zu verhängen oder langfristige Veränderungen anzustoßen. In einer Pandemie ist die Gesamtgesellschaft verantwortlich, in welche Richtung es geht. Wir haben versagt, weil die Bereiche ohne Lobby keine Chance hatten, gehört zu werden. So fristen Kindergärten bis heute ein stiefmütterliches Dasein. Maßnahmen hat es kaum bis nie gegeben, aber die Infektionszahlen waren immer dann hoch, wenn die Inzidenz bei den Erwachsenen hoch war. Gehört Kranksein zum Aufwachsen dazu?

Viele Viruserkrankungen sind gerade bei Kleinkindern am gefährlichsten, etwa bei Influenza (Quelle: ECDC) und RSV (Lambert et al. 2014) mit Todesfällen, aber auch Spätfolgen wie Asthma und Allergien. Es ist also durchaus sinnvoll, die Erkrankung von Kindern zu verzögern ins höhere Lebensalter, wenn die Atemwege größer und resilienter werden. Hinzu kommen Scharlach und teilweise auch wieder Masernausbrüche, weil die Durchimpfungsrate weiter sinkt.

In einem streng religiösen Land wie Österreich regiert leider immer noch der Aberglaube, dass Infektionen notwendig wären, um sein Immunsystem zu trainieren. Das ist rechte Esoterik mit dem Ursprung in der Anthroposophie-Lehre des Antisemiten Rudolph Steiner. Immunschuld gibt es nicht. Bis zu Cohen et al. (2021) gab es nicht einmal diesen Begriff! Seriöse Kinderärzte möchten, dass Kinder gesund bleiben, deswegen impfen sie auch gegen vermeidbare Krankheiten. Kinder, die die Krankheit nicht überstehen, sterben oder bleiben chronisch krank. Es gibt keinen Nachholbedarf – und in Zeiten von Medikamentenmangel, überfüllten Kinderambulanzen und überlasteten Ärzten – kann eine unversorgte Infektion böse ausgehen.

Das Immunsystem ist von Geburt an vielen Erregern ausgesetzt und ständig mit “symbiotischen” Bakterien, Pilzen, Parasiten, Zellresten und Fremdkörpern konfrontiert. Es hat immer etwas zu tun und braucht kein Training mit gefährlichen Infektionskrankheiten, die Folgeschäden verursachen können (Lloyd and Saglani 2023). Kontakt mit symbiotischen Mikroben ist wichtig für die frühe Immunsystementwicklung bei Kleinkindern – die Infektion mit pathogenen Viren sowie Nikotin kann diese unterbrechen und zu Langzeiterkrankungen führen.

Das beste Update für das Immunsystem ist die Impfung, Die Jahre vor der Pandemie wechselten pro Virensaison immer wieder die einzelnen Stämme (Influenza A/B, RSV A/B), es besteht kaum Kreuzimmunität von einem Stamm zum nächsten. Influenza ist jedes Jahr für viele neu (Manish et al. 2021). Schweden erlebt trotz fehlender Lockdowns und Maskentragepflicht in der Wintersaison 22/23 die dritte starke RSV-Welle in Folge.

Fakten zur Übertragung bei Kindern

Quelle: Basel Switzerland Community

Schutzmaßnahmen

Dass Schulschließungen, Distance Learning, Homeschooling wirksam sind, daran bestand schon im Juli 2020 kein Zweifel und waren übrigens auch im Influenza-Pandemieplan vorgesehen, der noch während der schweren Grippewelle 2019/2020 zum Einsatz kam, ohne dass die betroffenen Volksschulkinder anschließend Suizid begangen hätten.

Gurdasani et al. 2021 (updated on 07.06.23)

Der effektivste Schutz wäre eine dicht getragenene FFP2-Schutzmaske. In asiatischen Ländern tragen selbst Zweijährige zumindest Stoffmasken. Kindgerechte FFP2-Masken zu finden ist generell eine Herausforderung. Im Jugendalter wird es damit leichter. Es ist aber klar, dass das Maske tragen bei kleineren Kindern und Volksschülern nur begrenzte Schutzwirkung hat, weil die infektiösen Aerosole bei Stoffmasken durchdringen können und bei undicht getragenen FFP2-Masken oder OP-Masken durch Lecks zwischen Stoff und Haut nur unzureichende Schutzwirkung bieten. Offiziell gibt es übrigens keinen FFP-Standard für Kinder, weil es sich um EU-Arbeitsschutzstandards handelt und Kinderarbeit nicht zulässig ist. FFP2-Masken können daher für Kinder gar nicht verboten werden. Die Atemvolumina und -widerstände von Kindern sind andere als die von Erwachsenen. Kinder atmen keine 160 Liter pro Minute aus.

Masken generell bieten dennoch einen gewissen Schutz für Kinder (Cowger et al. 2022).

Der Schlüssel zu offenen Schulen bei gleichzeitig möglichst niedrigem Infektionsrisiko ist daher saubere Luft in Innenräumen (Jendrossek et al. 2023). Wie kann man diese erreichen? Indem man entweder konstant über Durchlüftung Frischluft zuführt und die verbrauchte Luft verdünnt bzw. ersetzt, oder indem man infektiöse Aerosole aus dem Raum entfernt – mit Hilfe von modernen Lüftungsanlagen, die die kontaminierte Luft von Erregern befreien, oder mobilen Luftreinigern als befristete Lösung, bis die Lüftungsanlagen ausgetauscht bzw. eingebaut wurden. Frankreich hat als Obergrenze für verbrauchte Luft in Bildungseinrichtungen 800ppm verpflichtend beschlossen. Die Initiative Gesundes Österreich (IGÖ) fordert genau das seit ihrer Gründung 2021. Der Gedanke dahinter: Je niedriger der CO2-Gehalt gehalten werden kann, desto geringer das Übertragungsrisiko bei längerem Aufenthalt in geschlossenen Räumen.

Im Kindergarten, wo das Maske tragen nur für die Lehrperson von Bedeutung ist, sind Frischluftzufuhr und regelmäßige Tests noch wichtiger. Zudem sollten die Kinder so viel Zeit wie möglich draußen verbringen. Regelmäßige Auffrischimpfungen sollten für die Erzieherperson Pflicht sein. Wer hier nicht im eigenen Sinn vernünftig handelt, kann ja das wirtschaftliche Argument bemühen: Kranke Erzieherinnen führen zu geschlossenen Kindergärten und zwingen zu Pflegefreistellungen bei den Eltern.

Von besonders hoher Bedeutung ist effizienter Luftaustausch in Schulen, wo Kinder mit Intelligenzverminderung bzw. Entwicklungsverzögerungen unterrichtet werden, die z.B. Maske tragen schlechter tolerieren. Bereits MERV-13-Filter, die qualitativ nicht an HEPA-13-Standard heranreichen, verringern die Inzidenz der SARS-CoV2-Fälle in den Klassen (Zand et al. 09/2023 preprint).

Wer sich fürchtet, dass Kinder durch Masken emotionale Defizite erleiden, sollte ihnen besser keine Sonnenbrillen aufsetzen, denn Masken sind bei der Emotionserkennung etwa so störend wie Sonnenbrillen, nämlich kaum (Ruba and Pollak 2020). Bestimmte Emotionen sind ohne Maske leichter zu erkennen (Fröhlichkeit), andere sogar schwieriger (z.B. Abscheu mit Traurigkeit verwechselt), (Carbon et al. 2021).

Ein Dorn im Auge vieler Eltern sind die Masken. Dabei dürfte es sich aber großteils um Projektion halten. Wenn die Eltern die Maske vehement ablehnen, überträgt sich das häufig auf die eigenen Kinder. Noch im zweiten Lockdown war eine AKH-Ärztin überzeugt, dass Kinder lieber Maske tragen als geschlossene Schulen wollen. “Die Maske ist nicht das, was Kinder irritiert”, schrieb damals auch die Süddeutsche Zeitung. In Japan und Neuseeland werden Masken auch an Schulen getragen, weil das zur Schulkultur zählt, damit die Kinder nicht krank werden (Abby Beswick für das Henry Magazine, Neuseeland, 2022).

Zahlen zu Schutzmaßnahmen

CO2-Konzentrationen im Schulunterricht abhängig von der Lüftungsart: Stoßlüften ist nicht ausreichend, Helleis et al. 2022 (Vergleich verschiedener Lüftungsmethoden gegen die Aerosolübertragung von COVID-19 und für erhöhte Luftqualität in Klassenräumen: Fensterlüften,
Abluftventilatoren, Raumlufttechnik und Luftreiniger)
  • Lüften und Luftreiniger schützen auch effektiv vor anderen respiratorischen Erregern, die weniger ansteckend sind als SARS-CoV2 (Banholzer et al. 2024)
  • Impfungen, Maske tragen und Tests reduzieren krankheitsbedingte Abwesenheiten deutlich (Pasco et al. 2024)
  • selbst schlecht getragene Masken reduzieren Fehlzeiten der Kinder in den Schulen (Thampi et al. 2023)
  • höhere Frischluftzufuhr reduziert erkrankungsbedingte Fehlzeiten (Deng et al. 2023)
  • Maskenpflicht reduziert Aerosolkonzentration um 69%, Luftreiniger um 39% (Banholzer et al. 2023)
  • die Kombination aus natürlicher und mechanischer Lüftung halbiert die Schadstoffkonzentration im Klassenzimmer (Hama et al. 2023)
  • in mechanisch belüfteten herrschte bessere Luft als in manuell gelüfteten Gebäuden, zeigte eine Schweizer Studie von 2023
  • Universität: FFP2-Masken reduzieren Übertragungen um 96%, effektive Belüftung um 81% (Zhang et al. 2024)
  • Tests in Klassenzimmern mit Luftreinigern erzielen bessere Ergebnisse als mit gefaketen Luftreinigern (Xu et al. 2024)

CO2-Messungen müssen verpflichtend vorgeschrieben sein

Ein erster Schritt wäre, CO2-Messungen in Bildungsräumen als Maß für den Anteil an verbrauchter Atemluft endlich verpflichtend zu machen, wie es Frankreich vormacht und Belgien seit dem Herbst 2021 schon eingeführt hat.

Im KURIER erschien bereits am 12. Oktober 2021 ein Artikel, weshalb CO2-Messgeräte so effektiv wären – leider hinter einer Paywall verborgen. Laut dem Bericht wurden Anfang Oktober 2021 vom Land Niederösterreich 10 000 CO2-Messgeräte angeschafft, die noch im Oktober 2021 ausgeliefert werden sollten. Im Oktober 2022 tauchten günstige CO2-Geräte *zufällig* vom gleichen Typ wie die vom Land gekauften wieder auf Willhaben auf. In Wien bissen sich engagierte Eltern an den Behörden die Zähne aus, als sie CO2-Messgeräte im Kindergarten oder in Schulräumen auf eigener Initiative hin aufstellen wollten. Will man hier die “dicke Luft”, die die Kinder täglich einatmen, etwa vertuschen?

Schlechte Luft in Schulen, Kindergärten und Arbeitsstätten senkt die Leistungsfähigkeit und hebt das Covid-19-Infektionsrisiko, erklären Fachleute. Es sei unverständlich und unverantwortlich, dass man in Österreich Lufthygienemaßnahmen wie Filter- und Lüftungsanlagen vernachlässigt und bei der aktuellen Infektionslage in Krankenhäusern und Arztpraxen nicht verpflichtend Masken trägt.

Schlechte Raumluft leistungshemmend und infektionsfördernd, Science orf (15.12.23)

Medienberichte zu Schutzmaßnahmen in anderen Ländern