Übersichtsarbeit zu Mechanismen, Risikofaktoren und Genesung (Astin et al. 2022)

Es gibt 3 Formen von LongCOVID

  • nach schwerem akuten Verlauf: Lungen- und Herzmuskelentzündung, Lungenfibrose, Nierenschäden, etc.
  • neue Erkrankungen oder bestehende Grunderkrankungen verschlechtern sich: Autoimmunerkrankungen, Lungen-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen, Dysfunktionen im Immunsystem, neurokognitive Erkrankungen
  • Neuentstehung des postakuten Infektionssyndroms Post-Covid (mit Belastungsintoleranz nach 6 Monaten PEM – klassische „Fatigue“ mit extremen Erschöpfungszuständen, Bettlägerigkeit, zunehmenden Nahrungsmittelintoleranzen, Allergien, etc.)

Typischer Ablauf der Entstehung von LongCOVID (geschildert von Justine Barron, Betroffene, ins Deutsche übersetzt)

Jemand hat eine relativ milde Infektion, muss nicht ins Krankenhaus, fühlt sich nach ein paar Wochen meistens wieder „normal“. Sie kehren in ihren Alltag zurück, mäßige Belastung zuhause und in der Arbeit, Training, etc. Ein paar Wochen später fühlen sie plötzlich eine Art Schmerz, Schwäche, Schwindel nach Belastung. Sie drücken es durch oder machen Pause. Es spielt keine Rolle. Am nächsten Tag sind sie bewegungsunfähig. Sie fühlen sich krank oder nicht funktionsfähig für ein paar Tage oder länger. Es fühlt sich wie eine Wand um sie herum an, die gegen sie drückt. Sie fragen sich, ob sie erneut Covid haben. Es fühlt sich so an, vielleicht, aber auch wie etwas anderes.

Sie erholen sich und kehren in den Alltag zurück, vielleicht mit etwas mehr Vorsicht. Doch es passiert erneut! Nach der geringsten Aktivität dieses Mal, wie Abendessen zubereiten, eine Dusche, ein Spaziergang, ein Arbeitstag. Sie sind erschöpft und aber können es durch Schlaf nicht bessern. Sie erholen sich wortwörtlich nie und müssen aufhören zu arbeiten. Wenn sie sich keine Ruhe geben können, weil sie arbeiten oder Kinder haben, verschlechtert sich ihr Zustand weiter, bis sie nicht mehr können. Oder sie erleiden in jungen Jahren einen Schlaganfall oder Herzattacke. Falls sie sich radikal ausruhen können, bessert sich ihr Zustand vielleicht nach 6-12 Monaten – bis sie erneut Covid bekommen oder eine Erkältung oder es an einem Tag übertreiben oder etwas falsches essen. Zurück an den Start, erneut Monate im Bett.

Mitunter kommen noch diverse Unverträglichkeiten und Allergien durch MCAS hinzu, chronischer Tinnitus und Drehschwindel. Die fortlaufenden Rückfalle passieren nicht sofort. Sie fühlen sich oft bestens und übertreiben es mit Aktivität, weil sie die Grenze nicht spüren. Die Krankheit schlägt am nächsten Tag zu oder später in der Woche. Hier wird MECFS mit Belastungsintoleranz beschrieben, aber viele Long/PostCOVID-Patienten erleben das Gleiche. Drehschwindel deutet dabei auf POTS hin, was erlärt, weshalb sie Probleme haben, sich aufzusetzen oder zu stehen. Das sind vaskuläre Krankheitsbilder.

Diagnose-Leitfaden für Haus- und Allgemeinärzte

aus Greenhalgh et al., Long COVID – an update for primary care (22.09.22)

Die klinische Diagnostik von LongCOVID-Patienten ist sehr ausführlich in der aktuellen S1-Leitlinie (Rabady et al. 2023) beschrieben.

Eine ordentliche Anamnese reicht in 94% der Fälle aus, LongCOVID zu diagnostizieren, das heißt, dem Patienten zuzuhören! (Klein et al. 2022)

Daran hapert es leider oft. Kassenärzten fehlt die Zeit und die Wahrnehmung der Krankheitsschwere klafft eklatant zwischen Patienten und Ärzten auseinander (Ruzicka et al. 2023).

Diagnostische Biomarker

Aktivierte Blutplättchen, gefärbt mit anti-CD62P-Antikörpern, als Indikator für winzige Blutgerinnsel (microclots) – von einem LongCOVID-Patienten (Quelle: Immunologin Akiko Iwasaki)

Was in Österreich Stand August 2023 nicht auf Kassenschein möglich ist:

  • Hautbiopsie bei dringendem Verdacht auf Small-Fibre-Neuropathy
  • Genetik und Hautbiopsie bei hypermobilem EDS
  • Spezialmikroskospie wegen Microclots
  • Muskelbiopsie wegen Kapillardichte und Entzündungen im Muskel
  • Test auf Autoantikörper (G-Protein binding Receptor)
  • Schellongtests nicht abrechenbar
  • Endothel Dysfunction: Brachial artery flow-mediated dilation (FMD) and arterial stiffness (carotid-femoral pulse wave velocity, cfPWV): Flow-mediated dilation or EndoPAT test
  • spezifische Immunmarker
  • Tryptase Basiswert und Anstiegswert im 7-Std-Fenster nach Schub bei MCAS
  • validierte Fragenbögen zu autonomer Dysfunktion, SFN, PEM und FAS werden ignoriert
  • fMRT, PET für Gehirndurchblutung

Ohne diese genaue Diagnostik kommt es weiter zur Dauerschleife: a) kein biologisches Substrat, wird nicht anerkannt b) können keine guten Subgruppen für spezifischen Therapiemöglichkeiten gefunden werden!

z.b. nicht-zielgerichtete Gabe von Antikoagulation (auch pflanzliche) nicht zielführend, sondern nur gefährdend, wenn gar keine Microclots oder endothel. Dysfunktion vorliegen. Immunapharese ohne Vorliegen von Autoantikörpern wird vmtl. kaum helfen.

(Angaben von Prof. Kathryn Hoffmann, LongCOVID-Spezialistin und Co-Autorin der S1-Leitlinie)