Übersicht über die Standorte der Kläranlagen, die am nationalen Abwassermonitoring teilnehmen

Überblick

Limitationen: Zeitverzögerung bis zu einer Woche, Gebietsabdeckung, Änderung der Messmethoden, Anzahl der beteiligten Kläranlagen variiert

Beim Abwassermonitoring misst man die über den Stuhl ausgeschiedenen Virusfragmente. Das lässt grundsätzlich keinen Rückschluss darüber zu, ob der Patient noch infektiös ist. Virus kann noch wochenlang nach einer Infektion ausgeschieden werden. In den ersten zwei Pandemiejahren gab es deutlich mehr Abwasseranlagen (Schulmonitoring und private Labors), später wurde diese Zahl auf 24 reduziert und dann auf 48 Anlagen erweitert. In Österreich messen nicht alle Bezirke in den Bundesländern, sondern nur einzelne ausgewählte Anlagen, die für 58% der Gesamtbevölkerung repräsentativ sein sollen. Die Proben werden von der Gerichtsmedizin der MedUni Innsbruck analysiert. Die Kurven sind aufgrund der Änderung der Messmethoden nicht über den Pandemieverlauf hinweg vergleichbar.

Um sicherzugehen, dass Vergleiche zuverlässig sind, sollte man immer parallel die Sentineldaten heranziehen, sowie Krankenstandsdaten, etwa von Versicherungen, Krankenkassen oder Spitalsaufnahmen.

Mehr zur Methodik in Österreich:

Rückschlüsse auf die Inzidenz

Die etwas sperrige Einheit der Abwasserdiagnostik ist Genkopien pro 100 000 Einwohner pro Tag.

Im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz gibt es neben 16 Abwasserdiagnostikstellen seit 2023 auch eine repräsentative Kohortenstudie namens SentiSurv: Bis zu 12000 Teilnehmer verwenden 1-2x Woche sensitive Schnelltests und melden ihren Infektionsstatus an die MedUni Mainz. Damit lässt sich Prävalenz in der Bevölkerung abschätzen. Die Kalibrationsstudie basiert auf Daten vom 8.1. bis 1.10.2023, wo ein Skalierungsfaktor (0,208) und eine Verzögerung (5,07 Tage) zwischen der Viruslast im Abwasser (durch das Pepper Mild Mottle Virus normalisiert) und der Prävalenz durch SentiSurv identifiziert wurden. SentiSurv wurde im März 2024 eingestellt. Dennoch lässt sich weiterhin die Prävalenz in der Bevölkerung abschätzen (Mohring et al. 2024). Weitere Surveillance-Projekte bzw. Kalibrierungsversuche gab es in UK (Winter CIS) sowie mithilfe von AMELAG (RKI). Ausführlichere Infos zur Methodik gibt es in den Seuchenkolumnen von Epidemiologe Zangerle im FALTER (online) sowie von Dominik Steiger (Schweiz, Twitter).

Die Abwasserwerte könnten die realen Inzidenzen ein wenig unterschätzen, was an bestimmten Mutationen seit der BA.5-Welle liegen könnte (Endo et al. 2024), bei JN.1 wurde wiederholt vermutet, dass die Werte überschätzt wurden, aber beweiskräftige Studien sind mir dazu noch nicht bekannt.

Epidemiologe Zangerle nahm für Mitte April 2024 rund 4000 Neuinfektionen pro Tag an, Mitte Mai rund 8000. Steiger nahm für Ende Juni 2024 für Zürich eine Inzidenz von rund 1000 an, also jede 100. Person infiziert sich pro Woche, und für Österreich rund 10000 Neuinfektionen pro Tag Anfang Juli 2024, mit SentiSurv kalibriert sogar 25 000 (Quelle: Tweet, 04.07.24).

Ich kann leider nicht mehr als diese Zahlen trocken wiedergeben, weil ich die Mathematik dahinter nicht verstehe. Es scheint aber zu den jeweiligen Positivraten in den Sentineldaten von Österreich zu passen.

Transparenz

Mikrobiologe und Universitätsprofessor Heribert Insam der Uni Innsbruck hat mit Kollegen der TU Wien für das Bildungsministerium bis Sommer 2022 das Corona-Abwassermonitoring durchgeführt. Das Nachfolgeprojekt umfasste nurmehr 25 statt 120 Kläranlagen. Das Land Tirol gab keine Abwasserdaten mehr an Insam weiter, weshalb er vor Gericht zog. Das Landesverwaltungsgericht gab ihm am 19. Juni 2024 Recht und schuf einen Präzedenzfall: Abwasserdaten zählen zu Umweltdaten laut dem Umweltinformationsgesetz (UIG). Das umfasst nicht nur Trink- und Seewasser, sondern auch dreckiges Wasser.

Alle vorhandenen Abwasserdaten kann demnach jeder Bürger von öffentlichen Stellen, Behörden oder öffentlichen Kläranlagen einfordern. Im September 2025 tritt zudem das Informationsfreiheitsgesetz in Kraft. Dann gibt es proaktive Informationspflichten der öffentlichen Hand. Unklar ist derzeit, ob jetzt auch die Daten jeder einzelner Kläranlage (wie in Vorarlberg z.B., Anm.) vom Land Tirol veröffentlicht werden. Bisher geben sich die Beklagten zurückhaltend. (Quelle: Salzburger Nachrichten, 05.07.24, Seite 16)

Die ganze Causa zeigt wieder einmal, wie wichtig es wäre, dass die Seuchenkontrolle bundesweit geregelt wird und nicht vom Förderalismus ausgehebelt wird. Das ist kein Einzelfall, der erst seit der Pandemie aufgetreten ist, sondern wurde bereits im November 2001 – ebenfalls in Tirol – schlagend, als eine Tourismusgemeinde einen Legionellenausbruch vertuscht hat. Die damaligen Schlussfolgerung der Studienautoren (Schmid, Wewalka und Allerberger 2004):

In our opinion, this outbreak clearly shows the need for higher independent health authorities capable of implementing early investigative and preventive public-health measures. At the local level—eg, in a small village that relies on tourism as the main source of income—conflicts of interest could represent an insurmountable barrier for implementing appropriate outbreak controls. The creation of the Austrian Agency for Health and Food Safety in June, 2002, with the legal mandate to investigate outbreaks might be the first step in this direction.