Übersetzung aus dem Englischen des Originals von @iamgoingtosleep

„Either you set this goal [elimination] and you don’t achieve it, but in the process, you certainly are reducing the number of lives lost. The alternative is to set a lesser goal and then still misfire.“

Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland (Dezember 2020)
Strategien zur Pandemiebewältigung: Elimination, Eradikation, Kontrolle, Unterdrückung, Abmilderung und keine substantielle Kontrolle, aus Baker et al. 2023

Zu Beginn der Pandemie wurde versucht, SARS-CoV2 zu eradizieren, also vollständig auszulöschen, mit rascher Isolation und Quarantäne.

Unser Problem ist, dass die WHO nach wie vor versucht, die Krankheit auszurotten, sicherzustellen, dass sie nicht auf Dauer bei uns bleibt und diese Versuche erfordern Anstrengungen. […] Ich bin mir nicht sicher, ob diese neue Krankheit wirklich schlimmer ist wie Grippe.“

Ex-Public-Health-Leiter der AGES, Franz Allerberger (Puls24, 27.02.20) verharmloste von beginn an die tragweite der pandemie.

Als die wirtschaftlichen Folgen des ersten Lockdowns nach wenigen Wochen sichtbar wurden, änderte man die Strategie und gab sich damit zufrieden, für kurze Zeit nahezu keine Verbreitung mehr erreicht zu haben. Führende Politiker erlagen dem Präventionsparadoxon und dachten, die Pandemie sei bereits besiegt worden. Die ersten Fälle im Salzkammergut in Tourismusgebieten und bei elitären Clubtreffen widerlegten diese Annahme. Statt die durch den Lockdown gewonnene Zeit zu nutzen, Testkapazitäten, Contact Tracing hochzufahren und sich mit auf den Winter vorzubereiten, gewannen die kritischen Stimmen an Einfluss.

Im September 2020 änderte man das Epidemiegesetz und fügte bei der Bewertung der Risikosituation folgenden Passus ein:

3. Ressourcen und Kapazitäten im Gesundheitswesen unter Berücksichtigung der aktuellen Auslastung der vorhandenen Spitalskapazitäten sowie der aktuellen Belegung auf Normal- und Intensivstationen

Quelle: Bundesgesetzblatt, 25.09.20

Damit erfolgte auch der offizielle Strategiewechsel von der Eliminations- zur Mitigationsstrategie: Maßnahmen ausschließlich zur Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems wie bei pandemischer Influenza. Die von Ex-Gesundheitsminister Anschober präferierte Corona-Ampel, nach der Inzidenzen ausschlaggebend für Maßnahmen sein sollten, war durch den Druck der Landeshauptleute nicht verbindlich – und somit zahnlos. Der zweite Lockdown kam zu spät und hatte zahlreiche Ausnahmeregeln. Die Bevölkerung bezahlte den mangelnden politischen Willen mit einer hohen Übersterblichkeit und vielen schweren LongCOVID-Fällen.

Der lasche Regierungskurs wurde durch einflussreiche Vertreter der „Great-Barrington-Declaration“ (GBD) maßgeblich unterstützt, die Herdenimmunität durch Masseninfektion propagierten. In Österreich hat diese neoliberale Initiative nie die kritische öffentliche Aufarbeitung erhalten, die sie verdient hätte. Statt „schwedischem Weg“ gab es nur einen richtigen Weg, den unseren. Die Gegenbewegung „John Snow Memorandum“ formulierte als wissenschaftlichen Konsensus ein Plädoyer, weiterhin alle Anstrengungen einzusetzen, um mit test-trace-isolate-quarantine (TTIQ) die Fallzahlen niedrig zu halten, die Wirtschaft damit zu schützen und Langzeitfolgen zu vermeiden:

„Furthermore, there is no evidence for lasting protective immunity to SARS-CoV-2 following natural infection, and the endemic transmission that would be the consequence of waning immunity would present a risk to vulnerable populations for the indefinite future. Such a strategy would not end the COVID-19 pandemic but result in recurrent epidemics, as was the case with numerous infectious diseases before the advent of vaccination. It would also place an unacceptable burden on the economy and health-care workers, many of whom have died from COVID-19 or experienced trauma as a result of having to practise disaster medicine. Additionally, we still do not understand who might suffer from long COVID.“

(Nisreen A. Alwan et al. 2020)

Für eine kurze Zeit schien der Aufruf zu fruchten. Im Jänner 2021 trafen sich Kanzlervertreter mit Experten und einigten sich auf eine NiedrigInzidenz-Strategie (Schwellenwert 50 pro 100 000 Einwohner). Dann setzte man die Schwellenwerte sukzessive hinauf und entschied sich schließlich endgültig zur Abkehr von einer Eliminationsstrategie hin zur Mitigation:

„Heute haben wir einmal den Grundkonsens geschaffen, dass unser Hauptblickpunkt und unser Entscheidungskriterium die Situation auf den Intensivstationen ist.

Ex-Gesundheitsminister Anschober am 22.03.2021 (ZiB2)

Der politische Strategiewechsel wurde später auch durch Gesetzesänderungen abgesichert, sodass notwendige Gegenmaßnahmen nurmehr ab einem fiktiven Schwellenwert freier Kapazitäten auf den Intensivstationen möglich waren, der durch Datenmanipulation nie erreicht wurde.

Wofür steht NoCovid/ZeroCovid?

Es ist ein zugespitztes Schlagwort für eine Niedriginzidenz-Strategie – vergleichbar mit der politischen Forderung nach „Vollbeschäftigung“. Es ist völlig klar, dass das nicht zu 100% gelingen wird, aber man versucht es trotzdem und verringert die Arbeitslosigkeit.

Die Debatte, ob SARS-CoV2 ausgerottet werden könnte, wurde wissenschaftlich nie geführt, weil außer Frage stand, dass es möglich ist (Wilson et al. 2021, Khezri et al. 2022). Es war in Wahrheit eine Debatte der Wirtschaftspolitik, von kurz- versus langfristigem Denken. Viele Wissenschaftler und Mediziner vermischten Wirtschaftspolitik und Ideologie mit Epidemiologie und redeten der Politik nach dem Mund.

Die Wissenschaft sagt klar, was zu tun ist:

  • Den Trendindikator (R) unter 1 bringen durch verschiedene Maßnahmen
  • Wenn die Fälle zurückgehen, mit Contact Tracing Überträger ausfindig machen
  • Isolieren, bis sie nicht mehr ansteckend sind
  • so oft wiederholen wie nötig
  • Problem der Tier-Reservoirs angehen

Es ist völlig unrealistisch, das Virus zu eliminieren.“ bedeutet tatsächlich

Wir können es nicht eliminieren ohne tiefgreifende gesellschaftspolitische, wirtschaftliche und ideologische Veränderungen.“ (welche die Macht des Geldes bedrohen)

Unabhängig vom Stadium der Pandemie, in dem wir uns jetzt befinden, gibt es weiterhin Möglichkeiten, SARS-CoV2 so stark zu unterdrücken, dass wir eine Grundinfektionsrate auf niedrigem Niveau erreichen:

  • verbesserte soziale Absicherung, um sich ausreichend isolieren und auskurieren zu können (Übertragung und Long COVID!)
  • Macht vom Kapital zu Behörden verlagern, um z.B. neue gesetzliche Standards für saubere Raumluft zu beschließen
  • Investition in Öffentliche Gesundheit und Verbesserung der Health Literacy
  • Initiativen für Weiterentwicklung der Impfstofftechnologie, um Übertragungen effektiver zu verhindern
  • gerechte Verteilung der Impfstoffe in ärmeren Ländern
  • Ausstattung von Gesundheitspersonal mit FFP2-Masken
  • einheitliche, sinnvolle und kontrollierbare Regeln im Reiseverkehr

Länder wie Neuseeland und Australien, die lange Zeit eine ZeroCovid-Strategie gefahren sind, punkten bis heute mit einer geringeren Übersterblichkeit als Länder, die zu früh aufmachten und zu lasche Gegenmaßnahmen setzten. In beiden Ländern war abseits der Lockdown-Phasen ein völlig normales Leben möglich, mit offenen Schulen, Konzerten und besseren wirtschaftlichen Entwicklungen.

Neuseeland hat eine hohe Durchimpfungsrate auch bei der älteren Bevölkerung erreicht und dadurch geringere Sterblichkeit am Ende der Eliminationsstrategie. Hong Kong hatte schlechte Impfraten bei der älteren Bevölkerung, die Sterblichkeit war mit BA.2 ähnlich hoch wie mit dem Wildtyp.

Die polarisierte Debatte in Österreich und anderen Ländern führte zu einer hanebüchenen Zuspitzung der NoCovid-Strategie:

Du kannst nicht alle ewig einsperren.“

„Die Kinder erleiden psychische Schäden durch geschlossene Schulen und uneinholbare Bildungsverluste.“

Die vorgeschlagenenen Maßnahmen hätten im Gegenteil verhindert, Lockdowns verhängen zu müssen, sie hätten für offene Schulen mit Schutzmaßnahmen gesorgt, aber auch für soziale Absicherung von Familien, die nicht ins Homeoffice wechseln können oder sich gute FFP2-Masken leisten. Eine bessere technische Ausstattung der Schulen hätte es erleichtert, fallweise ins Distance Learning zu wechseln, so wie es im Kriegsgebiet Ukraine auch gelingt.

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, die die Vor- und Nachteile einer Niedriginzidenzstrategie abgewogen haben:

Pandemie-Strategien in Österreich:

  • Im ersten Pandemiejahr hoffte man, mit der Impfung die Pandemie beenden zu können.
  • Im zweiten Pandemiejahr kam die Impfung für Erwachsene, aber gleichzeitig auch die infektiösere Alpha-Variante. Zwei Impfungen waren noch ausreichend. Der Regierung war klar, dass die Impfskepsis zu groß war, zugleich behaupten RegierungsberaterInnen, Impfungen und Infektionen würden bis Jahresende eine Herdenimmunität erzeugen
  • Dann kam Delta und das Impfgremium reagierte zu träge mit der Empfehlung einer 3. Impfung (Israel war schneller). Die Impfkampagne blieb im Sommer im Kanzleramt liegen. Vor Delta hatten wir ca. 65% Zweifachimpfrate und 32% für drei Impfungen.
  • Mit Omicron war der Schutz vor Ansteckung auch bei 3fach Geimpften gering
  • Der Vaccine-Only-Ansatz ist gescheitert: Auch eine sehr hohe Impfquote alleine hätte die Pandemie nicht beendet, nur in Kombination mit zusätzlichen Maßnahmen (VaccinePlus-Strategie)
  • In Österreich hat die gleichzeitige massive Verharmlosung ab 2022 dazu geführt, dass die Impfraten immer niedriger wurden mit jedem angepassten Booster. Vaccine-only ist hier nicht nur gescheitert, sondern wurde nicht einmal erreicht.
  • Mit Omicron wechselte man auf die saisonale Influenza-Impfroutine. Der BA.1-Impfstoff hätte bereits im März 2022 verteilt werden können, wurde aber bis Herbst 2022 hinausgezögert: 1x im Jahr Alte/Vulnerable impfen sollte ausreichen – SARS-CoV2 mutiert allerdings häufiger und die Immunität gegen die bestehenden Varianten schwindet schneller
  • Das Virus ist der Verteilung angepasster Impfstoffe immer voraus, der Schutz gegen Infektion ist bei den niedrigen Impfquoten zu gering, um epidemiologisch einen Effekt zu zeigen
ZeitraumStrategieErgebnis
03/20-05/20„Flatten the curve“„ZeroCovid“ Anfang Juni 2020 erreicht, Präventionsparadoxon: „Pandemie besiegt“
12/20-04/21Massentests statt LockdownFalsche Narrative zur Aussagekraft von Antigentests, ersetzte Schutz nicht, verhinderte Ost-Lockdown nicht
01/21-heuteImpfung beendet PandemieImpfungen sollten schwere Verläufe/Tod (= Spitäler nicht überlasten) beenden, klassische Mitigation, nicht Elimination
04/21-11/21Ab Impfquote X fallen MaßnahmenKlimek: ab 40% keine Maskenpflicht mehr, dann Zweifachgeimpfte vom Testen/Maske tragen befreien, Impfquote stieg zu langsam
06/21-11/21Für Zweifachgeimpfte ist die Pandemie vorbei„Staat hat Aufgabe erfüllt“, Impfung für U12 noch nicht zugelassen, 2 Impfungen nicht mehr ausreichend gegen Delta, 4. Lockdown kam
11/21-12/21Lockdown für Ungeimpfteauf dem falschen Narrativ aufbauend, dass Geimpfte nicht mehr Teil des Infektionsgeschehens sein würden
11/21-03/22Lockdown für allemit Omicron aufgehoben, weil irrige Annahme, dass schnelle Durchseuchung Herdenimmunität generiert und Omicron so mild sei, dass Spitäler nicht mehr überlastet werden
03/22- heuteHybrid-Immunität für dauerhaften SchutzWenn der Schutz von Impfungen erst durch Infektionen richtig gut sein soll, ist der Schritt nicht weit zu sagen, dass Infektionen gut sein sollen
01/22-heuteDavos-Standardbeim Weltwirtschaftsforum vom 16.-20.1.22 herrschten state of the art Schutzmaßnahmen, welche der Allgemeinbevölkerung bisher verwehrt werden
09/22-heuteImmunsystem trainierennachträgliches Schlechtreden von Schutzmaßnahmen wegen angeblicher Schäden des Immunsystems und dadurch mehr zirkulierender Infektionserreger statt naheliegende kausale Ursache in der Covid-Infektion selbst zu sehen

In einem Punkt muss man den Pandemieleugnern Recht geben:

Die Regierung hat über viele Jahre falsche Narrative verbreitet, um so schnell wie möglich Maßnahmen aufheben zu können. Pandemieleugner framen diese jedoch als Strafmaßnahmen oder Einschränkung der Freiheit, Vertreter des wissenschaftlichen Mehrheitskonsens hingegen als Schutzmaßnahmen.

  • Zur Aussagekraft von Schnelltests entstanden falsche Narrative – dass ein negativer Test bedeuten würde, man sei nicht infiziert (richtig: man ist nicht infektiös, vorausgesetzt, er wurde richtig abgenommen), willkürliche Gültigkeitszeiträume als Eintrittstests, obwohl man schneller schon ansteckend sein konnte.
  • Mangelnde Unterscheidung zwischen „Schutz vor schweren akuten Verläufen“ und „Schutz vor der Ansteckung“ im Zuge der Impfkampagne – dabei wurde außerdem vergessen, dass es einen Unterschied zwischen der medizinischen Definition von „mildem Verlauf“ und der tatsächlich empfundenen Krankheitsschwere gibt
  • fiktive freie Betten, für die es aber kein Personal gab, so konnte Zeitpunkt des Eintritts einer Überlastung der Spitäler nach oben nivelliert werden
  • mangelnde Aufklärung über richtiges Verhalten nach der Impfung, mindestens 2-3 Wochen notwendig, ehe der volle Schutz da ist, hat die Impfwirksamkeit diskrediert, vermeintliche Impfschäden, die auf Infektion nach der Impfung zurückzuführen waren
  • ab Delta: 2 Impfungen wurden irreführend als ausreichend deklariert, sodass Pandemie für Geimpfte vorbei sein würde
  • ab Omicron: 3 Impfungen („Grundimmunisierung“) wurden irreführend als ausreichend deklariert, um nicht mehr Teil des Infektionsgeschehens zu sein
  • Lockdown für Ungeimpfte: Schwerer Fehler, zum Zeitpunkt von Delta/Omicron noch zu behaupten, es würde einen Unterschied machen, ob geimpft oder ungeimpft sei. Für Mitigation ja (Impfung verhindert weiterhin schwere Verläufe/Tod), für Verbreitung zu gering bei der niedrigen Impfrate
  • Omicron sei mild: Wieder irreführende Darstellung von mild und mangelndes Verständnis von Statistik (viel mehr Infizierte mit Omicron, dadurch hohe absolute Zahlen von Schwerbetroffenen)
  • Maske tragen nur, um Überlastung der Spitäler zu verhindern – Individualschutz nie betont, oder Schutz der anderen im direkten Umfeld
  • Infektionen durch Hybrid-Immunität schöngeredet, nicht dazu gesagt, dass Immunsystem vorübergehend geschwächt wird und anfälliger für alle möglichen Pathogene.
  • Narrativ, dass nurmehr Alte/Vulnerable impfen/auffrischen müssen wie bei der Grippe, auch jüngere von schweren Verläufen betroffen
  • allgemeine Verharmlosung und dadurch dramatisch niedrige Impfrate, ähnlich niedrig wie bei der Grippe

Wenn man hier und bei zahlreichen anderen Aspekten faktengetreu kommuniziert, aber auch medial kritisch nachgefragt hätte, dann hätte man den Pandemieleugnern viel Wind aus den Segeln nehmen können. So hat die Regierung leider selbst Pandemieleugnung betrieben und tut es immer noch, und stärkt damit die Positionen der Pandemieleugner. Sie fühlen sich durch „öffentliche Eingeständnisse“ führender Wissenschaftler und Politiker („Impfpflicht war ein Fehler“, „Schulschließungen waren ein Fehler“, „Lockdowns wären nicht nötig gewesen“, Pressekonferenz vor Weihnachten) bestätigt, es geht ihnen aber nicht weit genug, wie die Reaktionen auf Social Media zeigen.