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Skandal: Wiener Konzerthaus bietet Pandemieleugnern eine Bühne

Werbung für eine Pandemieleugner-Veranstaltung im Wiener Konzerthaus

Das Wiener Konzerthaus wurde 1911-1913 errichtet. Es ist die Hauptspielstätte der Wiener Symphoniker, des Wiener Kammerorchesters und des Klangforums Wien. Die Wiener Konzerthausgesellschaft fungieren als Betreiber des Konzerthauses und ist ein privater, gemeinnütziger Verein. Neben dem offiziellen Programm wird es auch privat für Betriebsfeiern, Modeschauen, Kongresse und Geschäftspräsentationen genutzt. Die hier beworbene Veranstaltung ist so ein privater Anlass und wurde im offiziellen Programm des Wiener Konzerthauses nicht ausgeschrieben. Das ist jedoch keine Rechtfertigung, demokratiefeindlichen Gruppierungen eine Plattform zu bieten. Neben der LFÄ werben auch die „Grüne gegen die Impflicht & 2G“ für die Veranstaltung sowie der deutsche Verein „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (siehe Faktencheck) – zu den Gründern zählen u.a. Sucharit Bhakdi und Stefan Homburg, Mitglied ist zudem Wolfgang Wodarg.

Die Veranstaltung ist kein Einzelfall. Bereits am 20. Oktober 2023 fand im Klagenfurter Konzerthaus eine ähnliche Veranstaltung statt. Hauptredner damals: Martin Haditsch, der meinte, man hätte Covid „lieber laufen lassen sollen“. Haditsch war von Beginn an als Verharmloser der Pandemie gemeinsam mit AIDS-Leugner Christian Fiala in Erscheinung getreten, am 3. September 2020 wurde er von Ö1-Redakteurin Renate Schmidt-Kunz unkritisch interviewt. Veranstalter in Klagenfurt waren die „Liste der freien Ärztinnen Kärntens“ (LFÄ), eine MFG-nahe Liste, und die „Wissenschaftliche Initiative – Gesundheit für Österreich„, ein Verein von Pandemieleugnern mit Obmann Andreas Sönnichsen, von dem sich die Universität Wien bereits im ersten Pandemiejahr distanziert hat.

Update, 24.1.23

„das wiener konzerthaus hat mir heute mitgeteilt, dass es vom mietvertrag für die als „wiener gesundheitstage“ gebuchte veranstaltung zurückgetreten ist, bei der wordag und andere referenten ihre wissenschaftsfeindlichen „ergüsse“ loswerden hätten wollen. protestemails wirkten.“ (Quelle: Otmar Tuma, Twitter)

Im Wiener Konzerthaus treten auf:

  • Wolfgang Wodarg, Internist und Umweltmediziner: Er trat im Pandemieleugnerfilm „Corona.Film“ von OVAL-Media-Gründer Robert Cibis und Impfgegner Bert Ehgartner auf – gemeinsam mit Sucharit Bhakdi, John Ioannidis, Franz Allerberger und Raphael Bonelli.
  • Renate Holzeisen, Rechtsanwältin: Sie war 2023 Spitzenkandidatin für die impfkritische Liste VITA in Südtirol – wenig überraschend leugnet die Partei auch die globale Erderwärmung
  • Ossi Huber, Musiker und Songwriter:Ich stamme aus einer traditionell deutsch-nationalen Familie, als Zwölfjähriger habe ich noch geglaubt, dass die Slowenen bei uns einmarschieren„, erzählte Huber gegenüber der APA“ (Ö24, 20.04.11), bis zur Pandemie ist er nicht fremdenfeindlich oder rechts aufgefallen, im Gegenteil, er stellte sich in der „Ortstafelfrage“ in Kärnten auf die Seite der Minderheiten – Im Oktober 2022 taucht er dafür als Unterzeichner einer Unterstützungserklärung für maßnahmenkritische Aufarbeitung der Pandemie auf, im März 2023 hat er eine Petition zur „Aufarbeitung des COVID-19 Managements“ unterzeichnet – beide Male initiiert vom Verein „Zukunft Jetzt“ – Vizepräsidentin ist die Impf- und Maßnahmengegnerin Patricia Marchart, die durch den Dokumentarfilm „Eine andere Zukunft“ bekannt wurde. Mitwirkende u.a. Kinderarzt Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder und Jugendliche, der auch die ÖVP-Bildungsminister beraten hat, Verschwörungserzählerin Ulrike Guerot, Public-Health-Mediziner Martin Sprenger, Neurowissenschaftler Manuel Schabus.

Zu den Erstunterzeichnern der Petition von 2023 zählten u.a.

  • Infektiologin Petra Apfalter („Wir haben keine zweite Welle, sondern einen Labor-Tsunami“, September 2020)
  • Peter Kampits, Mitglied der Bioethikkommission in Österreich
  • Reinhold Kerbl
  • Martin Sprenger
  • Manuel Schabus, der sich um Umfeld der MFG bewegt

Das vermeintliche Ende der Pandemie zu feiern ist derzeit keine Randerscheinung, sondern bewegt sich im Zeitgeist der Politik und Gesellschaft, mit der Bundesregierung, die während den Rekordzahlen der letzten Coronawelle die Resultate des „Versöhnungsprozesses“ mit dem Titel „Nach Corona“ verkündete.

Die WHO warnt unterdessen seit dem erklärten Ende des Internationalen Gesundheitnotstands im Mai 2023, dass die Pandemie selbst nicht beendet sei und auch die globale Gesundheitsbedrohung durch wiederholte SARS-CoV2-Infektionen weiterhin gegeben ist – im Licht weltweit sinkender Impfraten, neuer Varianten und weitgehend abwesende Schutzmaßnahmen.

Was wissen wir über die Ansichten der Konzerthaus-Führungsebene zur Pandemie?

Vorab: Ich hab vollkommenes Verständnis dafür, dass die Kulturschaffenden sich in der Pandemie ungerecht behandelt gefühlt haben. Die Bundesregierung hat von Beginn an vorwiegend das Wohlbefunden der Tourismuswirtschaft und der größten Förderer der ÖVP im Blick gehabt. Es schien der Regierung leicht zu fallen, die Kulturbetriebe ohne lange zu fackeln länger geschlossen zu halten, und sich dafür detaillierte Regeln zu überlegen, wie Sommer- und Wintertourismus mit unzähligen Ausnahmen trotzdem stattfinden konnten.

Im Vorstand sind derzeit Matthias Naske, Johanna Möslinger und Mag. Günter Tröbinger, der auch Coronabeauftragter war und für die Umsetzung der Verordnungen im Kulturbereich für das Konzerthaus zuständig war.

„Die Kultureinrichtungen sind mit Sicherheit von allen Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen, die sichersten. Der Kultursektor ist nicht der Pandemietreiber.“

Konzerthausdirektor Naske am 08.12.2021

Es ist aber auch klar, dass jeder Bereich die Verantwortung in der Pandemie weit von sich wegwies. Egal ob Gastronomie, Hotelbesitzer, Kulturveranstalter oder Schulen – alle beteuerten selbstbewusst „dass unser Bereich sicherlich kein Treiber der Pandemie“ sei. Infektionen und Superspreader-Ereignisse geschahen immer woanders. Dabei war von Beginn vom Kitzloch über das Chorwochenende in Perg, dem Rotarier-Cluster in Salzburg, dem Ausbruch in einem Hotel am Wolfgangsee bis den großen Konzertveranstaltungen (Benefizitkonzerte in der BA.2-Welle im März 2022) und der nachgeholten EM 2021 klar, dass sich keine Branche beruhigt zurücklehnen und aus der Verantwortung nehmen kann.

Es gibt sicherlich Abstufungen in der Gefährdung. Eine Theatervorstellung mit guter Lüftungsanlage, ruhig sitzendem Publikum, war nie das Problem, eher schon die Pausen dazwischen mit Ausschank von Getränken und engem Beisammenstehen. Anders ein großes Konzert mit Menschenmassen, lautem Singen und reichlich Alkohol.

„Wenn man nun den Booster und einen zusätzlichen PCR verlangen müsse, stelle sich schlicht die Frage: „Wie hoch müssen die Hürden noch in den Himmel wachsen, die man den Menschen auferlegt?“

Naske gegenüber der apa AM 23.12.2021

Unverständnis äußerte Naske auch gegenüber den strengeren Verordnungen im Zuge der Delta- und Omicron-Welle zum Jahresende 2021 – was vor allem zeigt, dass die Bevölkerung als auch Verantwortungsverträger nie ausreichend darüber aufgeklärt wurden, dass sich das Virus ständig weiterentwickelt und bestehende oder früher einmal ausreichende Verordnungen ebenso angepasst werden mussten. Gegen die Omicron-Variante reichte auch eine dreimalige Impfung leider nicht mehr aus. Ein zusätzlicher PCR-Test (und Maske tragen) waren alternativlos zu einer Schließung.

„Spätestens seit dem Ende der Corona-Pandemie bildet das Haus einen weiteren Schwerpunkt mit der Integration von Musiker:innen der Freien Szene im Spielplan“

Naske, aus dem Geschäftsbericht des Wiener Konzerthaus von 2022/2023, Seite 6

Laut Datumsangabe wurde der Bericht am 15. November 2023 herausgegeben. Von der Politik kommuniziert wurde natürlich das Ende der Pandemie, so gesehen keine Randmeinung. In Summe finde ich keine explizit verharmlosenden Statements seitens des Wiener Konzerthauses, nur die übliche und teilweise berechtigte Kritik an den Verordnungen, die zu finanziellen Schwierigkeiten führten. Das war dann aber eine Sache von mangelnden Förderungen.

Die bis heute nie addressierte Gretchenfrage ist also, wie können Indoor-Veranstaltungen infektionssicher stattfinden? Wir kennen eigentlich seit dem Sommer 2020 schon die Antwort: Die Zahl der infizierten Personen senken und/oder Frischluftzufuhr ermöglichen bzw. die Raumluft filtern. Die erste Maßnahme haben wir bis Sommer 2022 noch konsequent angewendet: Isolation und Quarantäne. Frischluftzufuhr funktioniert sonst über moderne Belüftungsanlagen und mobile Luftreiniger. In meiner naiven Vorstellung sah ich zunehmend Konzert- und Kinosäle mit CO2-Infopanels an den Eingängen ausgestattet und ab einem bestimmten Schwellenwert hätte man sich eben eine Maske übergezogen oder die Lüftungsanlage wäre automatisch hochgedreht werden. Das Kultur- und Musikhaus Treibhaus in Innsbruck hatte eine solche CO2-Ampel umgesetzt (Stand 2022).

Eine abschließende Bitte an regelmäßige Besucher des Wiener Konzerthauses, die jetzt zurecht empört sind:

Statt das Wiener Konzerthaus nun zu boykottieren – schreibt hin, ruft an, beschwert Euch. Vielleicht lässt sich verhindern, dass dies künftig nicht mehr vorkommt. Auch die Betreiber des Konzerthaus müssen nicht alles dulden – es kann auch klare Richtlinien geben, mit denen das Hausrecht durchgesetzt wird.

1 Kommentar

  1. Josef Jell

    Sehr geehrter Naske, anstelle dieses wissenschaftsleugnenden Unsinns (Widarg, Holzeisen, Huber) könnten Sie doch Gabalier auftreten lassen!

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